Interview mit Ricardo Orlando und Melanie Lahmer

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Neulich war ich zu Besuch bei Fotograf und Videograf Ricardo Orlando im Studio DiWerk in Netphen. Wir hatten einen ziemlich witzigen Vormittag und Ricardo hinterher ganz schön viel Arbeit, um das Video zu schneiden!

Interview mit Ricardo Orlando im DiWerk

Wenn ihr also schon immer mal wissen wolltet, wie das bei mir mit dem Schreiben und Veröffentlichen so läuft und euch überhaupt mal ein Bild davon machen wollt, wer sich hinter diesem Blog verbirgt – dann schaut euch das Video auf YouTube an!

Nehmt ein bisschen Zeit mit oder lasst es als Podcast ohne Bild laufen – viel Vergnügen mit Ricardo und mir!


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Recherche I – Erlebnisse im Zonenrandgebiet

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Wie im Nachwort meines neuen Krimis schon erwähnt, habe ich für „Unter der Mauer“ ausführlich recherchiert.
Die Welt ist so spannend, es gibt so viel zu entdecken und herauszufinden, und oft ergeben sich durch die Recherche ganz neue Impulse für die Geschichte oder die Figuren.

Im Hintergrund: Herleshausen

Interzonenzüge

„Unter der Mauer“ hat auch mit mir und meiner eigenen Biografie zu tun. Ich bin im Zonenrandgebiet aufgewachsen, die innerdeutsche Grenze war nur wenige Kilometer entfernt und immer präsent. Mein Heimatort Bebra war einer von sieben Grenzübergängen für Bahnreisende zwischen der DDR und der BRD. Transitreisende mussten in Bebra Halt machen, die Züge wurden umfangreich kontrolliert. Doch von all dem bekamen wir Kinder natürlich nicht viel mit, der Bahnsteig für die Interzonenzüge war nicht so ohne Weiteres für uns zugänglich.

Bebra platzt aus allen Nähten

Da Bebra der erste West-Bahnhof für Reisende aus Thüringen war (also aus Gerstungen, Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar, in der Verlängerung auch Leipzig), platzte unser kleines Städtchen aus allen Nähten. Ich sah Bilder, die sich fest eingebrannt haben und die ich nie wieder vergessen werde.
Ich war gerade fünfzehn geworden, wir hatten Samstagsunterricht, und zusammen mit meiner Freundin wollte ich – wie immer – nach der Schule durch die Stadt nach Hause bummeln.
Doch wir kamen nicht weit. Die Stadt war übervoll mit Menschen – kein Stadtfest vermag so viele Leute in die Stadtmitte zu locken wie dieser erste Samstag nach dem Mauerfall. Es war so eng, dass wir unsere Fahrräder tragen mussten, weil schieben nicht möglich war. Man kam weder vorwärts noch zurück und wir waren völlig geplättet. Natürlich hatten wir vom Mauerfall gehört – aber hier haben wir ihn erlebt.
Es war so unbeschreiblich, dass mir heute noch die passenden Worte fehlen.

Am Folgetag, einem Sonntag, waren außerplanmäßig die Geschäfte geöffnet. Für Fünfzehnjährige aus der Provinz war das in den 1980ern noch spannend genug, um in Erwartung eines Bummels in die Stadt zu gehen.
Nun ja, zu bummeln gab es da nicht mehr viel.
Die Regale im Supermarkt waren bei vielen Artikeln komplett leer geräumt, was ich in diesem Ausmaß weder vorher noch nachher wieder gesehen habe. Es war surreal.
Die Bahnhofsunterführung, normalerweise eine Abkürzung in die Innenstadt, war tagelang nicht passierbar, weil man zwischen all den Menschen überhaupt nicht durchkam. Der reguläre Bahnverkehr fand ja trotzdem statt.

Menschen, die an Zügen hängen

Das krasseste Bild jedoch erlebte ich etwas außerhalb von Bebra.
Die Züge Richtung Gerstungen/Eisenach fuhren in einem Bogen um die Stadt herum, der auch durch den Ortsteil Weiterode führte. Die Schienenführung verlief teilweise oberhalb der Straße, über Brücken.
Ich fuhr gerade mit dem Rad auf der Hauptstraße, als sich von hinten langsam ein Zug näherte. Sehr langsam. Warum?
Weil an diesem Zug Menschen hingen. Außen, auf den Stufen der Zugtüren! Andere quetschten sich an den heruntergelassenen Fenstern, hingen ebenfalls halb draußen. Ein Bild, wie man es aus Filmen und Dokumentationen über z.B. Indien kennt – aber eigentlich undenkbar in unserem mit Regeln und Gesetzen durchorganisierten Land. Und doch war es so.

Im Laufe der Zeit wurde es in Bebra wieder ruhiger, kurz darauf war es klein, gemütlich und schläfrig wie eh und je. Dafür begannen nun wir „Wessis“ unsererseits, den Osten zu erkunden.
Und damit begann für mich die Faszination für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Leben in der DDR und der BRD.
In „Unter der Mauer“ erzähle ich einen Teil davon.

Na sowas!

Tja – eigentlich wollte ich etwas über meine Recherche erzählen, nicht über meine Kindheit. *lach*
Aber irgendwie gingen beim Schreiben die Pferde mit mir durch, deshalb erzähle ich den anderen Teil eben später …

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„Unter der Mauer“ ist veröffentlicht!

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Endlich ist es soweit – die erste Welle meines neuen Krimis ist erschienen!

Eine verschwundene Studentin. Eine unüberwindbare Grenze. Und ein Verbrechen, das mehr als 30 Jahre lang ungesühnt bleibt.
Der neue Siegerland-Krimi.
Nike Klafelds erster Fall

Seit heute könnt ihr das E-Book bei Amazon kaufen (Klick hier), die Taschenbücher sind ab Anfang November erhältlich (ihr werdet es auf jeden Fall erfahren!) und die dritte Welle, die E-Books für alle anderen Reader (also z.B. Tolino), startet dann im Januar 2020.

Bis es auch für die Tolino-Leserinnen und -Leser soweit ist, können die KindleUnlimited-Abonnentinnen loslegen und Nike auf der Suche nach der Vergangenheit begleiten.

Ihr seht also, ich habe an alle gedacht!
:)

Jetzt wünsche ich euch viel Vergnügen beim Lesen!

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Unter der Mauer – Leseprobe

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Unter der Mauer - Leseprobe


1. Juli 1984

Liebe Mutti, lieber Vati!
Wenn ihr diesen Brief lest, bin ich nicht mehr da.
Ich habe mich entschieden, ein neues Leben zu führen.
Sucht nicht nach mir, denn ihr werdet mich nicht finden. Ich habe alle Spuren verwischt, um euch nicht mit unnötigem Wissen zu belasten.
Ich weiß, dass meine Entscheidung Konsequenzen haben wird. Auch für euch. Doch ich kann nicht anders. Leider kann ich euch keine Erklärung geben und hoffe auf euer Verständnis.


Ich werde immer an euch denken,
eure Michi

Kapitel 1

»Hey, Nike, fang!«
Lukas warf ihr einen Flaschenöffner zu, den sie geschickt aus der Luft fing.
»Das war knapp!«, rief Nike lachend. Mit einem Plopp öffnete sie die Flasche Bier und hob sie den anderen zum Zuprosten entgegen.
»Auf Pigs and Pearls und den alten Probenraum!«
Sie nahm einen Schluck und schüttelte sich. Das Bier war lauwarm, aber das machte an einem Abend wie diesem nichts. Heute ging es um Erinnerungen, nicht um Gaumenfreuden.
Obwohl der Probenraum eine Zeitlang wie ein zweites Zuhause für sie gewesen war, musste die Band genau wie alle anderen Mieter der Bunkerräume auch, ihr Domizil verlassen. Das Gebäude aus Kriegszeiten war von einer Immobiliengesellschaft aufgekauft worden und sollte nun zu einem extravaganten Wohngebäude ausgebaut werden.
»Feier die Feste, wie sie fallen«, stimmte ihr Bandkollege Jute an und imitierte mit seinen Fingern einen imaginären Basslauf.
»Feier die Feste wie sie fallen, heut‘ ist der beste Tag von allen …«
Nike nahm den Gesang auf, ihre Bandkumpels stimmten ein und plötzlich lagen sie sich in den Armen und sangen den Song, der auf keinem ihrer Konzerte fehlen durfte.
Es half, nicht allzu melancholisch zu werden.
Nach der letzten Strophe löste sich Nike aus der Umarmung und trank von ihrem Bier. Dabei ließ sie den Blick durch den Raum schweifen, über die alten, bunten Teppiche auf dem kalten Betonboden und die Bandposter an den Wänden, bis er an den unzähligen Eierkartons hängenblieb.
»Ich hab die Dinger ja immer gehasst. Die sehen schäbig aus und bringen nichts.«
Mit dem Finger drückte sie eine Erhebung ein, dann noch eine.
»Wie alt sind die überhaupt? Die kleben doch bestimmt noch von der allerersten Band aus den Achtzigern oder so hier.«
Lukas stellte seine Bierflasche auf den Boden und griff mit beiden Händen an den schmalen Rand der Pappe, um sie abzureißen. Sie hatten den Probenraum mitsamt Eierkartons übernommen und sie aus lauter Faulheit an den Wänden gelassen. Dass sie nicht zur Schalldämmung taugten, hatten sie von Anfang an gewusst.
Er riss eine große Lücke in die Wandverkleidung und warf die Reste in Jutes Richtung. Der duckte sich einfach, sodass die Pappe vor Nikes Füßen landete.
»Vorsicht! Zerbrechlich!«
Sie schüttelte den nächsten blauen Müllsack auf, um die Pappstücke darin zu sammeln. Es tat gut, so ausgelassen in dem alten Probenraum herumzualbern. Das linderte die leichte Wehmut, die Nike überkommen hatte. Kein Wunder, immerhin waren sie in diesem Raum in den letzten vier Jahren zu einer richtig coolen Truppe zusammengewachsen.
»Ich wäre ja gern noch hiergeblieben.«
Lukas holte sich noch ein Bier aus der Kiste in der Ecke. »Wir hatten echt eine schöne Zeit hier.«
»Ach, wir werden schon einen neuen Raum finden. Wart’ nur ab!«
Nike prostete ihrem Mann zu, obwohl sie nicht so optimistisch war, wie sie vorgab. In letzter Zeit hatten sie nur noch wenig geprobt, weil Gitarrist Rob und Lukas bei der Siegener Kripo zunehmend mehr Überstunden machen mussten. Diesen Freitagabend hatten sie sich freigehalten, um auf gebührende Weise von diesem Teil ihrer Bandgeschichte Abschied zu nehmen.
»Hey, ihr beiden, hockt hier nicht so faul rum!«
Jutes übersprudelnde Energie war ansteckend. Zu fünft zerrten und zogen sie an den hartnäckig verklebten Eierkartons. Der Haufen in der Mitte wurde immer größer, die Kiste Bier in der Ecke leerte sich.
»Hey, schaut mal!«, rief Jute. »Hier hat wohl jemand alte Liebesbriefe versteckt!«
Er hielt ein paar zerrissene Seiten in die Höhe. »Ob das hier mal ein heimliches Liebesnest war?«
»Das würde dir gefallen!«
Lukas schüttelte lachend den Kopf und begann, Eierkartons in einen blauen Müllsack zu füllen.
»Soll ich euch mal ein paar Zeilen vorlesen?«
Jute hielt die Zettel gegen die Leuchtstoffröhre an der Decke und verengte die Augen.
»Das ist mit Bleistift geschrieben, das kann ich ja kaum entziffern.« Er schwieg einen Moment, dann las er mit gerunzelten Brauen vor. »Ich weiß zwar immer noch nicht, wo ich bin, aber das Mineralwasser heißt Rothaarquelle und … Mehr kann ich nicht lesen. Und das bisschen hier auch nur mit viel Fantasie.«
»Also, dass man nicht weiß, wo man aufwacht, kann ich mir ja noch vorstellen. Aber dann weiß ich zumindest grob, in welcher Region ich mich befinde«, antwortete Lukas lachend. Er nahm einen Schluck Bier und kratzte mit der Spachtel ein paar hartnäckige Pappreste von der weiß getünchten Wand.
»Ja, der Herr von der Kripo weiß eben nicht, wie so ein richtiger Absturz aussieht. Als ich damals in Berlin …«, begann Keyboarder Pit, doch Nike unterbrach ihn.
»Keine Zivi-Geschichten, Pit. Bitte! Wir haben alle mittlerweile mindestens acht Mal gehört.« Sie ging zu Jute, der ihr die zerknüllten Seiten in die geöffnete Hand legte.
»Da sind noch mehr Blätter«, antwortete er. »Wenn du sie lesen willst, musst du das Zeug wohl erstmal sortieren. Die Zettel und Schnipsel hängen nicht zusammen und sind teilweise zerrissen.«
Der blonde Bassist griff an den Rand des nächsten Kartons, unter dem noch mehr Blätter hervor segelten und auf dem Boden landeten.
»Oh, das scheint ein Nest zu sein. Bitteschön.«
Er ging ein paar Schritte zur Seite, um an einer anderen Stelle weiterzumachen.
»Vielleicht sind das ja abgelegte Songtexte einer unserer Vorgängerbands«, mutmaßte Jute und riss an der nächsten grauen Pappe. »Wenn sie gut sind, peppen wir das Ganze auf und machen einen coolen Song draus.«
Nike bückte sich und hob die Seiten auf, doch Jute war schon längst wieder mit dem Abriss beschäftigt.
»Warum versteckt denn jemand so viele beschriebene Seiten hinter der Wandverkleidung?«
Sie hielt die Seiten gegen das Licht. Das Papier war leicht vergilbt, die aufgedruckten Linien eng mit Bleistift beschrieben.
Hätte ich es ahnen können?
Offensichtlich waren die Blätter aus einem Heft oder Buch herausgerissen worden.
»Heb sie doch auf und kleb sie zusammen. Vielleicht sind sie ja wirklich zu gebrauchen«, antwortete Lukas, ohne aufzusehen.
»Und wenn es Tagebucheinträge sind, die niemand lesen soll?«
Sie sammelte die Zettel trotzdem auf.
»Dann schmeiß sie einfach weg. Ist doch egal.«
Lukas warf eine weitere Handvoll Pappe in den Müllsack.
Doch hinter dem nächsten Karton verbargen sich noch mehr Blätter.
Vorsichtshalber verstecke ich die beschriebenen Seiten …
Nike hob sie auf und steckte sie in ihre Gesäßtasche. Vielleicht war es das Bier, vielleicht die ausgelassene Stimmung, vielleicht auch die unterschwellige Traurigkeit, den Probenraum verlassen zu müssen.
Doch die wenigen Sätze regten etwas in ihr an, das sie noch nicht greifen konnte. Sie würde sich morgen damit beschäftigen.

Leipzig, 13. Juni 1984

Es war einer der wenigen schönen Tage in diesem Juni, entsprechend kühl war das Wasser im Kulkwitzer See. Doch das interessierte viele Leipziger nicht, denn die Liegewiesen und Strände an den Ufern des »Kulki« waren überfüllt mit Menschen, die genug von dem ewigen Regen hatten.
»Wer zuerst im Wasser ist!«
Thomas sprang von der Decke auf und rannte auf den See zu.
»Das ist unfair!«, rief Michaela, rappelte sich auf und lief hinter ihm her. Ehe sie ihn erreichte, war er mit einem Hechtsprung im Wasser gelandet und untergetaucht. Michi sprang kopfüber hinterher, als würde nicht auf sämtlichen Schildern am Ufer davor gewarnt.
»Was ist mit dir?« Annett schaute zu Karsten, der entspannt neben ihr sitzen geblieben war und den beiden hinterherblickte. »Keine Lust auf einen kleinen Wettstreit?«
Er richtete sich auf und stützte sich mit den Händen hinter dem Körper ab.
»Ich bleib lieber hier bei dir.«
Dabei sah er ihr direkt ins Gesicht und Annett spürte, wie eine leichte Röte ihre Wangen überzog. Schnell blickte sie nach vorne zum See, wo Thomas gerade ihre Schwester in die Höhe hob, um sie gleich danach ins kalte Nass des Kulkwitzer Sees fallenzulassen. Michi schrie auf und bespritzte ihn mit Wasser, woraufhin er untertauchte und sie von unten umfasste und zu sich zog. Michi kreischte erneut, doch Thomas brachte sie mit einem langen Kuss zum Schweigen.
»Süß, die beiden, oder?«
Karsten legte sich auf die Seite, stützte seinen Kopf mit der Hand und spielte mit einem Grashalm am Saum von Annetts Handtuch.
»Dabei hätte ich am Anfang nie geglaubt, dass das was wird mit ihnen. Deine Schwester hat sich ja wirklich lange gesträubt. Thomas musste sich ziemlich für sie ins Zeug legen.«
»Michi liebt eben ihre Freiheit. Da hat sie ihren eigenen Kopf.«
Annett lachte und blickte auf seine Hand, die langsam näher kam. Der Grashalm kitzelte, als Karsten damit die nackte Haut an ihrem Oberschenkel berührte. Ein Kribbeln zog durch ihren Bauch, vorsichtig strich sie mit ihren Fingerspitzen über Karstens Handrücken.
»Hey, ihr beiden, kommt doch auch ins Wasser! Es ist total erfrischend!«
Michis Ruf zerstörte den kleinen, schüchternen Moment und er zerplatzte wie die zarte Membran einer Seifenblase. Annett zog ihre Hand zurück, Karsten setzte sich wieder auf, als hätte Michaela sie bei einer Ungezogenheit ertappt.
Dabei war das Quatsch, denn vor Michi brauchten sie sich wirklich nicht zu schämen. Wenn Annett daran dachte, was sie ihr manchmal abends vor dem Einschlafen erzählte … Doch in den letzten Wochen hatte ihre Schwester sich verändert, war oft nachdenklich und tat abends, als würde sie ganz schnell einschlafen. Dabei hörte Annett, wie sie sich unruhig im Bett wälzte.
»Na, was meinst du?« Karsten zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Ein paar Schwimmzüge zum Abkühlen?«
Ehe Annett antworten konnte, war er auch schon aufgestanden und mit einem eleganten Sprung im Wasser gelandet. Mit einem verwirrenden Gefühl von Vorfreude und Sehnsucht folgte sie ihm.
Michi, Thomas, Annett und Karsten alberten gemeinsam im See herum, duckten sich unter, bespritzten sich mit Uferschlamm und Seewasser und erzählten sich später anzügliche Witze, während sie sich auf ihren Handtüchern von der Sonne trocknen ließen.
Es war einer der ersten heißen Tage des Jahres und Annett glaubte, dass ihr Glück niemals enden würde.

Kapitel 2

»Guten Morgen!«
Lukas stand in der Schlafzimmertür und hielt zwei dampfende Tassen in der Hand. »Kaffee?«
Ohne auf Nikes Antwort zu warten, stellte er eine der beiden Tassen auf ihren Nachtschrank und kroch neben sie unter die Bettdecke.
»Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit, dich zu wecken?«, hauchte er in ihr Ohr. Seine Fingerspitzen strichen über ihren Nacken. Wohlige Gänsehaut breitete sich auf ihrem Oberarm aus und sie seufzte. Es war lange her, dass Lukas sie so sanft geweckt hatte; frühmorgendliche Zärtlichkeiten waren vom Alltag verdrängt und erstickt worden.
Andererseits war sie schrecklich müde. Sie hatten bis nach Mitternacht im Probenraum aufgeräumt, der nun völlig leer und kahl war. Ein unpersönlicher, grauer und mit altdeutschen Ziffern versehener Raum in einem Hochbunker aus Stahlbeton. Irgendwie gruselig.
Anschließend war sie in einem zähen Traum gefangen gewesen, in dem sie die Papierschnipsel entziffern wollte, die ihr aber immer wieder aus der Hand gerutscht und zu Boden gesegelt waren. Sie hatte sich so oft hin- und hergewälzt, dass sie sich nun wie gerädert fühlte.
Lukas‘ Hand wanderte vom Nacken zu ihrer Brust, sein Atem ging flach und streifte ihr Ohr. Doch Nike war nicht in Stimmung, die Bilder des gestrigen Abends waren zu stark, das Bier hinterließ ein flaues Gefühl im Magen.
»Der Kaffee duftet verführerisch«, murmelte sie und wand sich aus Lukas‘ Armen. Sie klopfte ihr Kopfkissen zurecht und legte es sich in den Rücken, so dass sie in bequemer, aufrechter Position ihren Wachmacher genießen konnte.
»Ja klar, der Kaffee.«
Sie merkte Lukas die Enttäuschung an, auch wenn er sie vor ihr verbergen wollte.
»Es hat nichts mit dir zu tun«, erklärte sie deshalb und drückte ihm einen Kuss auf die stoppelige Wange. »Ich bin wegen gestern noch so aufgewühlt.«
»Schon gut«, erwiderte Lukas. Er lehnte sich ebenfalls gegen die Kopfstütze des Bettes. »Wir sind ja schließlich keine zkpywanzig mehr.«
Er klang beleidigt, doch Nike wollte sich nicht von ihm unter Druck setzen lassen. Denn auch in diesem Punkt hatte er recht; sie waren keine zwanzig Jahre alt, sondern vierzig. Knapp.
»Ich muss noch den Nudelsalat für Hajos Geburtstag morgen vorbereiten. Brigitte bekommt sonst einen Anfall, schließlich ist der Salat fest eingeplant. Und du weißt ja, wie sie ist.«
Lukas seufzte, schwieg aber und nippte an seinem Kaffee.
»Malte wollte übrigens nicht mitkommen, ich habe ihn aber dazu verdonnert«, erklärte sie. »Immerhin wird sein Opa neunundsechzig.«
Lukas hatte die Beine aufgestellt, sie legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. Erst beim Kontakt mit Lukas‘ Körperwärme merkte sie, wie kalt ihre Finger waren. Doch Lukas ließ sich nichts anmerken und trank seinen Kaffee, als wäre es die verantwortungsvollste Aufgabe an diesem Samstagvormittag.
Langsam zog sie die Hand zurück. Die Stimmung zwischen ihnen war futsch. Doch Nike hatte keine Lust, sie zu kitten. Nicht schon wieder. Dann sollte Lukas eben seinen Kaffee in der Schmollecke trinken.
»Du weißt ja, wo du mich findest.«
Entschlossen stand sie auf und ging barfuß in die Küche, um den Nudelsalat vorzubereiten und sich von dem unschönen Tagesbeginn abzulenken.
Während die Nudeln kochten, zog sie sich im Badezimmer um und machte sich frisch. Beim Zähneputzen fiel ihr Blick auf die Jeans vom Vorabend, die über dem Badewannenrand hing. Ein Schnipsel lag zerknittert auf den Fliesen. Nike bückte sich und hob das Papier auf.
Was hatte sie da nur gestern Abend geritten, dass sie die ganzen Schnipsel und Blätter aufgehoben und in die Tasche gesteckt hatte? Ein akuter Anfall von Melancholie, dachte sie und grinste mit der Zahnbürste im Mund.
Lukas und die anderen hätten das Papier einfach in den Müllsack gesteckt und weggeworfen; sie hingegen hatte sich von ihrer Neugier leiten lassen. Es war natürlich nicht die feine Art, in einem fremden Tagebuch zu stöbern – andererseits gab es vielleicht auch jemanden, der sich über diese wahrscheinlich längst vergessenen Fragmente seines Lebens freuen würde.
Sie wusch ihr Gesicht und wuschelte sich durch die weißblonden Haare. Später, wenn der Nudelsalat fertig war, würde sie die einzelnen Blätter sortieren.

[…] Ende der Leseprobe

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Unter der Mauer

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Ende Oktober ist es soweit: Der neue Krimi erscheint!
Unter der Mauer ist der Auftakt einer neuen Reihe mit der Psychologin Nike Klafeld – und ihr dürft euch auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten freuen! :)

@Mauerkrimi Unter der Mauer
Ab Oktober überall im Handel!

Worum geht es?

Eine verschwundene Studentin.
Eine unüberwindbare Grenze.
Und ein Verbrechen, das mehr als 30 Jahre lang ungesühnt bleibt.

Leipzig, 1984: Die Studentin Michaela Wolff verschwindet spurlos. Alles, was ihrer Familie bleibt, ist ein Abschiedsbrief. Auch nach dem Fall der Mauer findet man kein Lebenszeichen von ihr. Die Familie zerbricht beinahe an diesem Schicksal.

Fünfunddreißig Jahre später stößt die Psychologin Nike Klafeld in Siegen auf ein altes Tagebuch, versteckt in einem Weltkriegsbunker.
Die Suche nach der jungen Frau führt sie auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Doch Nike ahnt nicht, dass sie sich bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit selbst in große Gefahr bringt …

»Unter der Mauer«
Der Auftakt zur neuen Krimireihe mit der Psychologin Nike Klafeld

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Termine, Termine

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Es dauert nun wirklich nicht mehr lange, bis „Unter der Mauer“ erscheint!
Die nächsten Lesungs-Termine sind noch in Planung, sobald es konkret wird, sage ich euch Bescheid.
Hier findet ihr schon mal die Termine der nächsten Zeit:

Freitag, 13. September von 14-18 Uhr:
Meet and Greet bei BücherbuyEva in Hilchenbach im Rahmen der Aktion „Heimat shoppen“ – gemeinsam mit anderen Siegerländer Autorinnen, unter anderem Mimi Heeger und Tine Nell

Donnerstag, 10. Oktober von 19-21.30 Uhr:
Vortrag zum Thema Nachhaltigkeit im frei:RAUM in Siegen

An beiden Terminen könnt ihr natürlich auch signierte Bücher erwerben!

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Caminho Portugues – Tag 13

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Kap Finisterre

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Startbild

Ich verließ die Herberge in Santiago früh, da mir der Weg zum Busbahnhof sehr weit erschien und ich es hasse, zum Bus rennen zu müssen.
Ein wenig desorientiert stand ich kurz darauf bei Nieselregen neben einem Brunnen und starrte auf meine Karte. Ein Mann kam auf mich zu und fragte auf Deutsch, ob er mir helfen könne. »Ich suche den Weg zum Busbahnhof.«
»Alles klar«, antwortete er. »Ich bringe dich hin.« Ich muss wohl ziemlich irritiert geschaut haben, denn er lachte. »Ich bin vorgestern vom Francés gekommen. Da brauche ich sowieso noch Bewegung, sonst bekomme ich muskuläre Probleme. Außerdem möchte ich etwas von dem zurückgeben, das mir der Weg geschenkt hat.«
Freudig nahm ich sein Angebot an. Er brachte mich bis zum Bahnhof und zeigte mir sogar, an welchem Schalter ich mein Ticket bekomme. Wir verabschiedeten uns und er wünschte mir noch eine gute Zeit in Fisterra. Er selbst war schon mehrmals da, weil er regelmäßig den Camino geht.
»Aber meine Freunde halten mich deswegen für verrückt. Dabei müssten sie es nur einmal selbst probieren, dann wüssten sie, warum ich immer wieder gehe.«
Diese Szene zeigt sehr schön, was den Camino so besonders macht – und warum man ihn immer wieder gehen möchte.

Fisterra, das Fischerdorf am Ende der Welt

Fisterra ist ein kleines Fischerdorf auf einer Landzunge im äußersten Westen Spaniens. Die Busfahrt ans Ende der Welt (Fis = Ende, Terra = Erde) war atemberaubend. Von den drei Stunden führten fast zwei an der Atlantikküste entlang. Die Costa de Morte ist unfassbar schön: Berge treffen auf das Meer, es gibt weiße Sandstrände und raue Wellen. Trotzdem ist die Gegend nicht touristisch. Wahrscheinlich interessieren sich die meisten Menschen für Spaniens Südküste und wissen gar nicht, wie toll der Norden ist.
Kaum hielt der Bus in Fisterra, kam eine Frau auf mich zu und fragte, ob ich ein Bett bräuchte. Klar! Ich wusste aus Erzählungen, dass das passieren wird und war froh, mir keine Unterkunft suchen zu müssen. Das würde definitiv meine letzte Nacht in einer Pilgerherberge mit Stockbetten sein, deshalb war ich nicht wählerisch. Am nächsten Tag würde ich die lange Busfahrt bis nach Porto auf mich nehmen, um von dort wieder nach Hause zu fliegen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - der Hafen von Fisterra
Der Hafen von Fisterra

Fisterra empfing uns mit Regenwetter. Trotzdem trank ich am Hafen erstmal einen Kaffee, um nicht nur physisch, sondern auch psychisch anzukommen. In einem Supermarkt holte ich mir Proviant und machte mich auf den Weg zum Kap Finisterre mit dem Leuchtturm. Viele Pilger gehen von Santiago bis Fisterra zu Fuß, so auch Stefan, dem ich letztlich meine Compostela zu verdanken haben. Der Weg ist knapp neunzig Kilometer lang und dauert ca. drei Tage. Es gibt sogar eine eigene Pilgerurkunde extra für den Camino a Fisterra, die Fisterrana.
Unterwegs überholten mich immer wieder voll besetzte Touristenbusse und ich fragte mich, ob Nadine, Silvie und Laura wirklich eine Rundfahrt gebucht oder doch eine andere Möglichkeit gefunden hatten. Oder ob sie überhaupt noch hierher kommen wollten.

Sich selbst und den Camino feiern

Doch so schön Kap Finisterre mit seinen Felsen und dem schäumenden Meer auch für Besucher ist: Der Ort wirkt erst wirklich mystisch, wenn man den Camino gegangen ist.
An dem berühmten 0,00 km-Stein musste ich übrigens für das Foto anstehen. Einige der Bustouristen ließen sich – warum auch immer – mit dem Stein ablichten.
Hinter dem Stein steht der Leuchtturm, dahinter noch ein Kreuz, und dann kommt nur noch das weite Meer.
Ich suchte mir einen ruhiges Eckchen auf den Felsen, holte Brot, Käse, Schinken und Wein hervor und feierte mich und meinen Camino. Der Wind wehte stark, die Wellen schlugen gegen die Felsen, Gischt sprang empor und ich konnte kaum glauben, wie schön die Welt ist. Dieser Planet, unser aller Zuhause. Und wir Menschen mittendrin, die wir uns trotz unserer Winzigkeit so wichtig finden. Aber für die Erde sind wir verzichtbar.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - der Null-Kilometer-Stein
Am berühmten 0,00 km-Stein

Wir Individuen sind wichtig für andere Menschen, auch wenn wir es nicht immer spüren. Alle meine Wegbegleiter waren bedeutsam für mich gewesen. Die einen mehr, die anderen weniger. Selbst ein simples »Bon Camino«, ein kleines »Bom Dia«, ein »Obrigada« oder ein »Dias« war ein schönes Zeichen und tat gut. Jedes Lächeln, jedes freundliche Wort und jedes Gespräch hatte eine Bedeutung und machte den Weg leichter und schöner.
Und ich bin mir sicher, dass auch ich für andere Pilger wichtig war. Viele kannten vielleicht nicht einmal meinen Namen, so wie ich nicht von allen den Namen kennen. Kaum jemand wusste von meinem Beruf, aber auch ich weiß nicht, womit die anderen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich hatte so viele glückliche und gute Momente auf dem Weg und empfinde es als Glück, überhaupt gehen zu können. Den Weg gehen zu können. Mit nur wenig Ballast außer meinem Rucksack.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Pilgerstatue
Pilgerstatue auf dem Weg zum Leuchtturm

Für viele Menschen ist der Jakobsweg ein lang gehegter Wunsch, und für viele wird es auch ein Wunsch bleiben, weil sie ihn aus verschiedenen Gründen nicht realisieren können. Andere hingegen erhoffen sich auf dem Weg Hilfe. Hilfe bei der Trauerbewältigung, Hilfe in Umbruchphasen, Hilfe, wenn Orientierung fehlt.
Man sagt oft, der Camino gibt dir, was du brauchst. Und wer offen für neue Begegnungen, neue Gedanken und neue Blickwinkel ist, wird reich beschenkt werden.

Der Weg ist zu Ende

Zweieinhalb Stunden verbrachte ich am tosenden Atlantik, ließ mir den Kopf und die Gedanken freipusten, dann ging ich die drei Kilometer zurück ins Dorf.
Santiago war das Ziel meines Jakobsweges gewesen, aber erst am Kap Finisterre habe ich ihn beendet.
Plötzlich vermisste ich meine Familie, wollte meinen Mann und meine Kinder in die Arme schließen, sie sehen, mit ihnen reden, mich vergewissern, dass es ihnen gut geht. Eine gut bekannte Unruhe erfasste mich und da wusste ich: Ich habe meinen Weg abgeschlossen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Steinkreuz, dahinter der Ozean
Steinkreuz am Kap Finisterre

In meinem Schlafsaal nächtigten witzigerweise die drei Italiener aus Rates, die damals so früh das gesamte Zimmer weckten. Es gab in den ganzen zwei Wochen nicht einen einzigen Tag, an dem ich nicht jemand Bekanntes traf.
Für den nächsten Tag war Starkregen angesagt, und entgegen meinem Plan frühstückte ich doch nicht am Hafen, sondern wollte mit dem ersten Bus nach Santiago fahren.
Die Überraschung erwartete mich an der Bushaltestelle. Hier standen gut hundert Pilger und wollten zurück nach Santiago! Der Bus war natürlich sofort voll. Ein zweiter Bus wurde angefordert. Auch der war in kürzester Zeit voll. Da ich noch Zeit hatte, wartete ich auf den dritten Bus. Dieser fuhr den langen Weg an der Costa da Morte vorbei und war nicht so voll wie die anderen beiden. So konnte ich aus dem Fenster schauen und die Landschaft genießen, die ich so schnell nicht wieder sehen würde.

Zurück in Santiago de Compostela

In Santiago hatte ich vier Stunden Aufenthalt, bevor mein Fernbus nach Porto fuhr. Für mich war klar, dass ich die Zeit in der Stadt und an der Kathedrale überbrücken würde. Selbst bei Regen.
Doch diesmal wollte der Funke nicht überspringen. Ich sah die neu ankommenden Pilger, ich sah die Kniefälle, die Tränen, die Freude, die Umarmungen und die in die Höhe gereckten Arme, Rucksäcke und Fahrräder. Ich hörte die Musik des Dudelsacks und ging durch die Straßen, vorbei an den vielen Menschen.
Doch es berührte mich nicht. Ich hatte meinen Weg am Kap Finisterre beendet.
Das hier war nicht mehr meine Zeit. Heute waren andere Pilger dran. Ich setzte mich vor eine Bar, trank einen letzten Café Con Leche und aß einen Burger und beobachtete die Pilger, die durch die Stadt zogen. Es gibt viele Wege nach Santiago de Compostela, und jeder Weg führt aus einer anderen Gasse auf den Platz vor der Kathedrale. Man kann daran ziemlich leicht erkennen, welchen Camino die Menschen gegangen sind. Die Pilger, die an dieser Stelle die Stadt erreichen, kamen vom Camino Francés, dem berühmtesten aller Jakobswege. Auch ich möchte irgendwann einmal auf diesem Weg Santiago erreichen.
Doch fürs Erste hatte ich genug. Obwohl ich noch ausreichend Zeit hatte, ging ich zurück zum Busbahnhof. Ich wartete lieber zwei Stunden in der Wartehalle, als mich diesen vielen Menschen in der Stadt auszusetzen.
Am Abend fuhr ich dann mit dem Bus nach Porto. Vier Stunden lang konnte ich Teile der Strecke noch einmal Revue passieren lassen. Ich fuhr durch Städte, die ich zu Fuß durchschritten hatte, ich fuhr an Bergen vorbei, durch die ich mich durchgekämpft hatte. Und dann war ich wieder in Porto, wo alles angefangen hatte.
Es fühlte sich gut an.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - weißer Sandstrand mit Felsen
Praia de Langostera

Früh am nächsten Morgen ging mein Flieger. Am Flughafen traf ich ein letztes Mal auf Annette mit der verkehrten Zeit und auf Clemens. Wir saßen im selben Flieger, aber nicht nebeneinander. Kurz nach der Landung in Köln umarmten wir einander noch einmal, bis jeder seiner Wege ging.
Ich holte meinen Rucksack, verließ die Halle und schloss meine Familie in die Arme.

Wieder zu Hause

Die Anpassung nach der Rückkehr war nicht ganz einfach. In den ersten Tagen hielt ich es drinnen nicht aus und arbeitete draußen. Die Stadt war mir zu eng, mir fehlte der Blick in die Weite, auf das Ziel, das ich am Ende des Tages erreichen wollte.
Als ich die ersten beiden Blogbeiträge schrieb, brauchte ich eine Pause vom Weg. Ich sehnte mich nach diesem einfachen Leben, dem minimalistischen Gepäck, den geringen Bedürfnissen und gleichzeitig dem Trott des Pilgeralltags: morgens aufwachen, den Rucksack packen, kurz ins Bad huschen und losziehen. Laufen, die Welt an sich vorüberziehen lassen, essen, wenn man hungrig ist und trinken, wenn man durstig ist. Einfach alles hinnehmen, wie es ist und das Beste draus machen. Und einen Schritt nach dem anderen gehen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Felsen und tosende Atlantikküste
Blick auf den Leuchtturm von Kap Fisterra

Ich habe viel gelernt auf dem Weg. Das Wichtigste ist wahrscheinlich die Erkenntnis, dass der Jakobsweg das Leben im Kleinen widerspiegelt. Man trifft auf Menschen, die einem von Anfang an zu Herzen gehen und auf Menschen, die einem unsympathisch sind. Manche Menschen begleiten einen für eine sehr lange Zeit, andere bleiben nur kurz. Doch die Zeit, die man miteinander verbringt, sagt nichts über die Beziehung aus.
Man hat Phasen, in denen man glaubt, es ginge nicht weiter. Phasen voller Schmerz, Trauer und Wut. Und man hat Zeiten, in denen läuft es wie geschmiert, alles ist gut, man fühlt sich wie vom Glück geküsst. In dieser komprimierten Form weiß man, dass es immer weitergeht, auch wenn man nicht daran glaubt. Man weiß, dass man es schafft. Nicht immer einfach, nicht immer sofort, aber man schafft auch die schrecklichen Phasen. Und man erlebt auch, dass man Menschen, die man aus den Augen verloren hat, plötzlich wiedertrifft. Und dass es gut ist, wie es ist.
Es erfüllt mich mit Stolz, den Jakobsweg gegangen zu sein. Ich bin ihn gegangen und ich habe ihn geschafft. Auf all meinen bisherigen Lebensstationen konnte ich nie sicher sagen, wie groß mein eigener Anteil am Gelingen war.
Wie oft hat man einfach Glück, ist zur rechten Zeit am rechten Ort, hat Gönner, Förderer, Neider oder Menschen, die einen bevorzugen oder benachteiligen. Doch auf dem Camino geht es nicht um einen guten Tag oder einen lichten Moment, sondern um das, was ich ganz alleine geschafft habe.
Auch wenn man viel Unterstützung hatte – sei es nun mental oder durch Gepäcktransport – so ist man den Weg doch selbst gegangen. Man hat etwas geleistet, von dem viele andere Menschen träumen und etwas, das sich viele nicht trauen. Wer den Camino plant, hat eigentlich schon gewonnen.

Der Jakobsweg macht süchtig

Wenn ihr also darüber nachdenkt, dann macht es. Denkt es nicht nur, wünscht es euch nicht nur, sondern macht es. Wartet nicht auf Zeiten, die vermeintlich besser sind. Wer weiß schon, ob die jemals kommen werden. Oder ob es nicht vielleicht doch irgendwann zu spät für den Camino ist.
Aber vergesst nicht: Das Camino-Fieber ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen!
:)

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Felsen mit Brandung
Und vor uns das Meer

Ich hoffe, euch hat mein Rückblick auf den Caminho Portugues gefallen. Manches ist vielleicht für Außenstehende nur mäßig interessant, dafür steigert es bei anderen die Vorfreude oder lässt den eigenen Weg noch einmal Revue passieren.
Und ich trage im Hinterkopf den Gedanken, das Ganze noch einmal in eine neue Form zu bringen und als Buch zu veröffentlichen. Aber erstmal sind jetzt andere Themen dran.

Caminho Portugues Tag 12 – Von Faramello nach Santiago de Compostela

Caminho Portugues Tag 1 – Von Porto nach Angeiras

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Caminho Portugues – Tag 12

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Von Faramello nach Santiago

Caminho Portugues Tag 12 - Startbild

Als ich wach wurde, war es draußen noch dunkel. Im Schlafsaal herrschte Ruhe (zumindest das, was man bei zwölf schlafenden Menschen so bezeichnen kann). Ganz leise nahm ich meine Sachen an mich und schlich aus dem Raum. Nach einem kurzen Abstecher ins Bad ging ich barfuß nach unten und zog Socken und Schuhe an.
Im Laufe meiner Pilgerreise habe ich gelernt, die Abläufe zu perfektionieren: Der Rucksack wird schon am Abend gepackt, Zahnbürste, Zahnpasta und ein kleines Handtuch stecken in der Gürteltasche, die Schuhe stehen sowieso immer außerhalb der Räume (aus gutem Grund).

Dunkelheit

In wenigen Minuten war ich fertig und verließ die Herberge. Es war immer noch dunkel, aus der Herberge drang noch immer kein Ton. Aber ich war nicht die Einzige auf dem Weg. Ein Stückchen hinter mir kamen fünf Leute mit Stirnlampen. Die Lichtkegel hüpften auf und ab und zum ersten Mal auf meiner gesamten Pilgerreise fand ich Stirnlampen sinnvoll. Sie stehen immer wieder auf Packlisten, dabei sind sie der absolute Graus in Schlafsälen. Nichts blendet mehr, als dieser umherirrende Lichtstrahl. Taschenlampen sind viel besser, aber die hat man meist sowieso am Handy.
Die Dämmerung reichte gerade aus, damit ich nicht ins Stolpern geriet, die gelben Pfeile sah ich im Dunkeln aber erst im letzten Augenblick. Hinter dem Ort ging es erst die Straße entlang, dann in ein Waldstück. Um nicht über Wurzeln zu stolpern, zückte ich die Taschenlampe meines Handys.

Caminho Portugues Tag 12 - Plakat im Wohngebiet
Anwohnerproteste

Die Lichtkegel hinter mir kamen immer näher und ich fühlte mich ein wenig mulmig. Sie waren zu mehreren, ich war allein. Weit und breit waren keine anderen Menschen, und bis die ersten Pilger aus meiner Herberge hier vorbeikommen würden, ginge noch einige Zeit ins Land. Mein Handy spendete nicht nur Licht, sondern auch ein wenig Sicherheit.
Doch hinter dem Waldstück überholten mich die Männer und ich konnte in Ruhe weitergehen. Mir war kein Verbrechen an einer Pilgerin bekannt, im Gegenteil, ich hatte ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Aber eine Restunsicherheit bleibt.
Die letzten Kilometer liefen sich quasi von allein. Neben der Herberge in O Milladoiro verspeiste ich das letzte Pilgerfrühstück, zu deutlich höheren Preisen als bisher. Klar, ich befand mich schließlich schon in einem Vorort von Santiago de Compostela. Nur noch sechs Kilometer bis zur Kathedrale, nur noch etwas mehr als eine Stunde Jakobsweg.

Caminho Portugues Tag 12 - Zettel auf Kilometerstein
Motivationszettel

Der Weg führte durch Waldstücke und an der Straße entlang, durch Wohngebiete und an Gärten vorbei. Und natürlich erging es mir in Santiago wie in jeder anderen Stadt auf dem Weg: Ich verlor die gelben Pfeile aus den Augen. Aber hier war es egal. Ich musste einfach nur bis zur Kathedrale kommen, und wenn ich auf den letzten hundert Metern durch die Stadt irrte und nicht mehr auf dem Jakobsweg ging, war das absolut egal.
Schön war es in der Stadt nicht mehr. Die Cafés am Straßenrand wurden touristisch und austauschbar, die Stadt war voll und laut und hatte absolut kein Flair.

Licht

Rucksäcke prägen das Bild des Jakobsweges und bekommen auf dem Weg eine besondere Bedeutung. Zu jedem Rucksack gehörte ein Pilger, und jeder Pilger konnte ein neuer Freund sein. Oder ein alter.
Und die drei Rucksäcke, die ich in diesem einen kleinen Café am Straßenrand entdeckte, kannte ich.
»Hallo Melanie!«
Regina, Heike und Marianne, die drei Pfälzerinnen!
Wir hatten nicht nur in der gleichen Minute unsere Jakobswege begonnen, wir würden sie nun auch gemeinsam beenden.
Die drei hatten wie geplant ihre komplette Ausrüstung dabei. Trotz schmerzender Schulter und offener Blasen würden sie den Weg beenden, wie sie ihn begonnen hatten.
Aber wir würden trotzdem nicht mehr die Gleichen sein.

Caminho Portugues Tag 12 - zwei Wegweiser in Santiago
Die letzten Kilometersteine

Wir quetschten und schoben uns an Menschen vorbei, irgendwo im Hintergrund war die Kathedrale, ab und zu fanden wir einen gelben Pfeil. Es war chaotisch und völlig anders, als ich mir ausgemalt hatte. Wir gingen durch enge Gassen und über Straßen, folgten anderen Menschen mit und ohne Rucksack – und standen plötzlich vor der Kathedrale.
Es war kein langsamer, emotionaler Einmarsch wie in meiner Vorstellung, sondern eher ein: »Wie – sind wir jetzt da?«
Erst als ich um 10:30 Uhr in der Mitte des Platzes stand, begann ich zu begreifen.

Caminho Portugues Tag 12 - Die Kathedrale in Santiago de Compostela
Die Kathedrale in Santiago de Compostela

Ich war da. Ich hatte es geschafft. Ich hatte 260 Kilometer zu Fuß hinter mich gebracht, um hier anzukommen. Um vor dieser Kathedrale zu stehen und von Gefühlen überrannt zu werden. Ich hatte Tränen in den Augen und wusste nicht, warum. Wir fielen uns in die Arme, gratulierten uns, machten Fotos in allen möglichen Positionen und Kombinationen und langsam begann ich es zu begreifen: Ich war den Jakobsweg gegangen. Alleine, zu Fuß und mit allem, was ich brauchte, in meinem Rucksack.
Es gab Tage mit Schmerzen und Tage ohne. Ich hatte vor Wut, Schmerz und Erschöpfung geheult, aber auch vor Glück. Ich hatte tolle Begegnungen gehabt, war in strömendem Regen gelaufen und bei großer Hitze. Und auch wenn ich morgens nie wusste, wo ich abends schlafen würde, habe ich doch immer ein Bett gefunden. Meistens sogar dort, wo ich es gewünscht habe.

Hinter mir lag ein unglaubliches Abenteuer und ich wusste: Das war mein erster Camino, aber nicht der letzte. Wer einmal von dem Virus infiziert wurde, wird ihn nicht mehr los. Wie oft habe ich schon vom Ruf des Camino gehört?
Und auch mich ruft er. Mal lauter und mal leiser und jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ziemlich laut.

Diese eine Gelegenheit

Da ich nicht reserviert hatte, sollte ich mir schleunigst einen Schlafplatz suchen.
Das war in Santiago längst nicht so einfach wie auf dem Weg, aber ich hatte Glück. Wieder einmal. Denn ich landete in einem Hostel, das sehr beliebt und deshalb oft schon Tage im Voraus ausgebucht ist. An der Rezeption traf ich Annette aus Frankfurt mit den vertauschten Wochentagen. Auch sie war kurz zuvor angekommen.
Nach der Dusche und der obligatorischen Handwäsche meiner Wandersachen zog es mich zurück zur Kathedrale. Ich setzte mich auf den Boden und genoss das Leben um mich herum. Im Minutentakt erreichten Pilger die Kathedrale, sanken auf die Knie, weinten, fielen sich in die Arme, jubelten, lachten und küssten. Weggefährten trafen sich wieder, Rucksäcke und Fahrräder wurden in die Höhe gehoben, Fotos gemacht und über allem lag der Klang des Dudelsackspielers.

Caminho Portugues Tag 12 - Rucksack vor Kathedrale
Mein treuer Gefährte vor der Kathedrale in Santiago

Silvie und Laura hielten ihre Compostelas in der Hand, Nino und Melissa saßen erschöpft auf dem Platz, Stefan lag auf dem Kopfsteinpflaster, an seinen Rucksack gelehnt. Die namenlose Polin eilte vorüber. Piet, der Holländer. Wir alle gratulieren uns, umarmten einander und waren stolz und glücklich, angekommen zu sein.
Da ich nicht gläubig bin und auch keiner Kirche angehöre, verzichtete ich auf einen Besuch in der Kathedrale und wollte mir auch keine Compostela holen. Das war mir schnell klar und hatte sich während des Weges auch nicht geändert.
Aber was hatte ich auf dem Camino gelernt? Mach keine Pläne. Es kommt sowieso alles anders.
Stefan sagte einen wichtigen Satz zu mir: »Du hast nur diese eine Gelegenheit, dir die Compostela zu holen. Vielleicht ärgerst du dich irgendwann.«
Das war rational genug, um mich zu überzeugen. Also stellte ich mich in die lange Schlange der Wartenden vor dem Pilgerbüro. Man liest von Wartezeiten von zwei Stunden und mehr – nur für diesen katholischen Schnickschnack?
Doch plötzlich war es mir das wert und ich kann nicht einmal sagen, warum.
Alex stand in der Schlange und wir verkürzten uns die Zeit mit Gesprächen über den Weg, unsere Erlebnisse und das Danach. Alex traf auf dem Weg wichtige Entscheidungen, die ihr Leben in eine neue Richtung lenken würden.
Ich wollte nichts ändern, dafür aber das, was ich haben, wieder mehr schätzen.

Ich war da!

Später trank ich mit Heike, Regina und Marianne noch ein letztes Pilgerbier und traf eine Entscheidung.
Der Weg nach Fisterra, zum Kap Finisterre, musste nicht mit einer zehnstündigen Busfahrt für dreißig Euro gemeistert werden. Man konnte mit dem Linienbus in drei Stunden hinfahren, dort übernachten und wieder zurückkommen. Und genau das würde ich am nächsten Tag machen. Ich besorgte mir einen Fahrplan und buchte auch gleich die Rückreise nach Porto zwei Tage später.
Später gingen wir noch Essen, teilten uns Tortilla und Pimientos de Padron, genossen den Sommerabend, sprachen über den Weg und unser Leben zu Hause und wünschten uns von Herzen alles Gute.
Santiago war voller Menschen, auch am Abend erreichten Pilger die Stadt, man sah Menschen mit bandagierten Füßen, ausgelassen, glücklich und entspannt.
Ich hatte es geschafft.
Ich war in Santiago!

Caminho Portugues Epilog – Fisterra

Caminho Portugues Tag 11 – Von Valga nach Faramello

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