Caminho Portugues – Tag 11

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Von Valga nach Faramello

Caminho Portugues Tag 11 - Startbild

Noch fünfunddreißig Kilometer bis nach Santiago.
Ob Stefan sein heutiges Ziel erreichen würde? Als ich morgens um acht die Herberge verließ, schlief er jedenfalls noch. Renate und Alex begannen ihren Tag langsam, die Polin ohne Namen war schon weg. Diesmal war mein Frühstück nur vier Kilometer, also eine gute Stunde Fußweg, entfernt. Kaum hatte ich mein Bocadillo verspeist und den Café con Leche getrunken, kam auch Alex um die Ecke.

Wie geht es meinen Pilgerfreunden?

Von Birgit kam eine Nachricht: Sie war gemeinsam mit zwei anderen, die ich noch aus der Herberge in Rates kannte, in Santiago angekommen.
Wie es wohl Marianne, Heike und Regina ging? Sie hatten sich fest vorgenommen, trotz Gepäcktransport unterwegs, zumindest den Einmarsch in Santiago mit Sack und Pack zu meistern.
Und auch all die anderen, die ich unterwegs kennengelernt hatte: Wie ging es ihnen? Wer war ebenfalls schon in Santiago, wer war noch hinter mir? Hatte womöglich jemand aufgeben müssen?

Caminho Portugues Tag 11 - Brücke bei Pontecesures
Brücke bei Pontecesures

Der nächste größere Ort war Pontecesures. Witzigerweise traf ich dort Silvie und Laura, die beiden Schweizerinnen. Auch Pontecesures ist ein Ort, der einen längeren Aufenthalt verdient. Die alten Gebäude und vielen Cafés am Weg laden zum Verweilen ein, doch ich holte mir nur kurz ein Eis und ging weiter.
In Padron erkennt man schnell den Abzweig nach Herbon, den ich aber ignorierte. Für eine erneute Übernachtung war ich noch gar nicht weit genug gegangen, ich war ja gerade erst warm geworden!

Von Glück und Schokolade

Die Wegführung durch Padron ist ziemlich nett, man wird durch die Altstadt und eine kühle, schattenspendende Allee geführt. Entsprechend saßen natürlich einige Pilger am Wegesrand und machten eine Pause. Und wen traf ich da? Renate aus der Herberge! Sie winkte mir zu und überreichte mir ein kleines Päckchen: meine Schokolade aus dem Kühlschrank!
Ich musste wieder an das vierblättrige Kleeblatt hinter Tui denken. Sachen gibt es, die gibt es gar nicht!
»Ich habe die Schokolade mitgenommen, bevor sie weggeschmissen wird. Außerdem hatte ich darauf vertraut, dass wir uns wieder sehen.«
Wir teilten uns die Schokolade, aßen noch einen Riegel zusammen und ich ging weiter. Renates Etappenziel war das Konvent in Herbon, ich wollte noch weiter nach Faramello.

Caminho Portugues Tag 11 - Schuhe auf Kilometerstein
Symbolbild

Der Weg führte wenig attraktiv über mehrere Kilometer an der Bundesstraße entlang. Es war heiß und laut, nur ab und zu kam ein kleiner Ort. In einem kleinen, engen und sehr ursprünglich wirkenden Dörfchen machte ich eine Pause auf einem großen Stein, um meine Füße zu lüften. Hunde und Katzen kamen und gesellten sich zu mir, offensichtlich saßen auf diesem Schattenplatz öfter Pilger.
Frisch gestärkt ging ich weiter, bis ich hinter mir Schritte hörte. Da war ja jemand ganz schön schnell unterwegs! Mit einem fröhlichen »Hallo!« überholte mich Stefan.
»Und, schaffst du es heute noch bis Santiago?«, fragte ich und er lachte. »Es läuft gerade ziemlich gut. Ich denke schon.«
Kurz darauf war er weg und ich wieder allein.

Genug für heute

Der lange Weg in der Hitze an der Bundesstraße hatte mich mürbe gemacht. Meine Füße schmerzten, nur ein kurzes Stück führte durch Eukalyptuswald und war eine echte Erholung für die Gelenke. Trotzdem hatte ich für heute genug. Mein Ziel war die erstbeste Herberge, denn mittlerweile waren es noch weniger als achtzehn Kilometer bis Santiago. Zu viel für diesen Tag, ganz schön wenig für den nächsten. Denn eigentlich hatte ich alle Zeit der Welt.

Caminho Portugues Tag 11 - Eukalyptuswald
Eukalyptuswäldchen

Als ich nach dem Duschen meine Wäsche auf die Leine im Garten hängte, wurde ich von Piet, dem Holländer, begrüßt. Nach der Diskussion mit der Hospitalera war er einfach zur nächsten Herberge weitergegangen. Später kam noch Alex dazu und wir aßen gemeinsam zu Abend, redeten über unseren Weg und das, was er mit uns gemacht hatte.
So endete mein letzter kompletter Pilgertag. Am nächsten Tag würde ich Santiago erreichen.

Caminho Portugues Tag 12 – Von Famarello nach Santiago

Caminho Portugues Tag 10 – Von A Portela nach Valga

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Caminho Portugues – Tag 10

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Von A Portela nach Valga

Caminho Portugues Tag 10 - Startbild

Die Nacht in der tollen Herberge in A Portela war schlecht.
Manche redeten noch bis weit nach Mitternacht, die Ersten begannen um sechs Uhr mit dem Aufbruch.
Da die sanitären Anlagen definitiv nicht für dreißig Leute ausgerichtet waren, schnappte ich schnell mein Zeug, putzte draußen am Waschbecken meine Zähne und lief los. Ich war sonst zwar auch immer ziemlich schnell beim Aufbruch, aber noch nie so schnell wie in A Portela.

Das war auch ganz gut so, denn so hatte ich wieder viel Ruhe auf dem Weg. Mittlerweile waren es nur noch sechsundfünfzig Kilometer bis nach Santiago – theoretisch war das sogar in zwei Tagen zu schaffen. Aber ich hatte schließlich noch Zeit, wollte mich nicht unnötig abhetzen und wollte ehrlich gesagt auch noch gar nicht, dass das Erlebnis Jakobsweg so schnell zu Ende ging.

Pimientos und mehr aus Padron

Das Kloster Herbon liegt bei Padron, etwa fünfundzwanzig Kilometer vor Santiago und ist ein sehr beliebtes Ziel. Es erfordert ab Padron einen kleinen Umweg von drei Kilometern, bietet dafür aber ein ganz besonderes Flair. Man schläft dort in einem Kloster und kann ein wenig Mönchsluft schnuppern. Außerdem nahm dort die Jakobuslegende im elften Jahrhundert ihren Anfang. Für gläubige oder historisch interessierte Pilger also definitiv eine Empfehlung.
Außerdem sind dort die »Pimientos de Padron« beheimatet, eine Leckerei, die ich leider erst an meinem letzten Tag kennenlernen sollte.
Ich wollte ungern diese dreißig Kilometer bis nach Padron laufen und peilte Valga oder Pontesecures an, des entsprach meinen täglichen zwanzig bis fünfundzwanzig Kilomtern.

Caminho Portugues Tag 10 - Weg im Schatten
Nicht untyptischer Wegeverlauf

Diesmal musste ich für mein Frühstück nur acht Kilometer laufen. Direkt am Weg gab es ein großes Café, dessen Bedienung wohl sieben Sprachen beherrscht – sein Deutsch war zumindest so gut, dass wir uns ganz normal unterhalten konnten. Zu meiner Überraschung war Clemens schon da und hatte sein Frühstück gerade beendet, um weiterzugehen. Ich hatte wirklich geglaubt, als Erste die Herberge in A Portela verlassen zu haben. Aber er war noch vor mir aufgestanden und machte sich nun weiter auf den Weg.
Ich bestellte einen Café Con leche und ein Bocadillo mit Käse und Schinken für 3,50 €. Diese Preise machten es unnötig, mich selbst zu versorgen. So ersparte ich mir die Suche nach Supermärkten, konnte die heimische Küche testen und ein bisschen für die spanische und portugiesische Wirtschaft tun. Mein Tagesbudget von dreißig Euro habe ich jedenfalls bis auf zwei Tage (einer davon in Santiago) stets unterschritten, teilweise deutlich. Darin war alles enthalten: Übernachtung, Waschen, Getränke und Kaffee unterwegs und Essengehen am Abend.

Vom großen Glück

Der nächste größere Ort war Caldas de Reis.
Nach meinem Frühstück ging es weiter. Ich war jetzt zehn Tage unterwegs, Kopf und Körper hatten sich an den Pilgeralltag gewöhnt. Morgens stand ich früh auf, machte mich schnell fertig und ging los. Mir tat nichts weh, die Einstellung am Rucksack passte mittlerweile perfekt, ich spürte ihn kaum. Füße und Beine wussten, was sie zu tun hatten und der Kopf hing einfach seinen Gedanken nach. Probleme und Gedanken, die man so mit sich herumschleppt, lösten sich in Luft auf, meine Arbeit am Roman war weit weg und ich hatte viel Zeit, über mich und den Weg nachzudenken.
Kurz vor Caldas de Reis liefen wie aus dem Nichts Tränen. Wie ein Schlosshund heulte ich, ließ die Tränen laufen, ging einfach weiter und genoss dieses unfassbare Glück.
Ich habe drei gesunde Kinder, einen Beruf, der mich ausfüllt und einen wunderbaren Mann an meiner Seite, der mir völlig selbstlos das Abenteuer Jakobsweg ermöglicht. Meine Eltern und Schwiegereltern sind gesund, und zu diesem Zeitpunkt hatte ich sogar noch zwei Omas, beide über neunzig Jahre alt.
Das ist pures, echtes Glück. Das ist wichtig im Leben und ich werde nie vergessen, wie sich dieser Moment vor Caldas de Reis anfühlte.

Caminho Portugues Tag 10 - Kirche, umgeben von Palmen
Kirche, umgeben von Palmen

Auch dieser Tag wurde wieder sehr heiß, der Weg führte durch Wiesen und Auen und kleinere Orte und bot kaum Schatten. Nachdem ich mich hinter Caldas de Reis einige Kilometer bergauf in einen Ort geschleppt hatte, plante ich eine längere Pause mit frischem Orangensaft und einem großen Café con Leche.
Der Garten des Cafés lag im Schatten von Bäumen, und diese Pause fühlte sich wirklich nach einer kleinen Auszeit an. Auch Piet aus Holland war da und wir tauschten locker Pilgererfahrungen aus.
Die Landschaft bot jedoch wenig Abwechslung. Ich lief durch einen Ausläufer der Pyrenäen (das Kantabrische Gebirge), sodass ich eigentlich den ganzen Tag lang öde braune Berge vor, hinter und neben mir erblickte. Auch die Hitze machte das Laufen an diesem Tag wenig attraktiv und ich quälte mich mit dem Mantra »walk, eat, sleep, repeat« an der Bundesstraße entlang. Das machte keinen Spaß mehr, also nahm ich den Abzweig zur öffentlichen Herberge in Valga.

Starre Regeln

Auf dem Weg zur Rezeption traf ich auf einen wütenden Piet. »Ich gehe wieder, sowas Unfreundliches habe ich noch nie erlebt!«
Er diskutierte noch ein wenig mit der Hospitalera, nahm seine sechs Euro wieder entgegen und verließ die Herberge. Stein des Anstoßes war die Bettenbelegung. In den meisten Herbergen darf man sich seinen Schlafplatz aussuchen und ich war oft früh genug da, um mir einen Platz an der Wand auszusuchen. Außerdem sind die unteren Betten beliebter als die oberen, denn mit schmerzenden Füßen und wehen Muskeln mag man einfach nicht so gern auf den schmalen Leitern klettern.

Caminho Portugues Tag 10 - Skulptur Pilger mit schmerzenden Füßen
Pilgerfeeling in Valga

Hier jedoch wurden die Betten streng zugewiesen: Der erste Pilger muss in Bett eins schlafen, der zweite in Bett zwei, der dritte in Bett drei. Piet war der zweite Pilger und sollte deshalb das obere Bett nehmen. Er wollte aber aus verständlichen Gründen unten schlafen, was die Hospitalera schlichtweg nicht erlaubte (und auch kontrollierte). In dem Schlafraum standen zwölf Betten, die Herberge hat insgesamt achtundsiebzig Betten, und trotzdem war es nicht möglich, dass Piet ein unteres Bett bezog. Das war tatsächlich auch für mich das negativste Herbergserlebnis, denn diese Frau war unglaublich unflexibel und sehr unfreundlich. Statt unsere Fragen zu beantworten, daddelte sie am Handy.
Da Piet nun wieder gegangen war, war ich Pilgerin Nummer zwei und musste das obere Bett belegen. Immerhin wusste ich jetzt, dass ich mir eine Diskussion darüber sparen konnte.
Natürlich ist es immer schön, wenn man ein Bett für sich allein hat. Denn je nach Zustand wackelt das ganze Bett, wenn sich die Person über oder unter einem umdreht.
Um die Absurdität dieses Vorgehens zu unterstreichen, schliefen in dieser Nacht nur insgesamt fünf Pilger in der gesamten Herberge. Aber dafür haben wir auch nur drei Stockbetten belegt. Die ungeraden Zahlen lagen unten, die geraden oben.

Caminho Portugues Tag 10 - Bierflasche Peregrina
Nomen est Omen

Außer mir waren noch eine junge Polin dort, Renate, die alles sehr langsam anging, Stefan aus der Herberge in A Portela sowie Alex. Den Spätnachmittag verbrachte ich mit Stefan und Alex, aß den Rest meines Babybreis mit frischem Obst und wir teilten uns Stefans Nudeln mit Tomatensauce. Ich spendierte Schokolade und legte den Rest für den nächsten Tag in den Kühlschrank.
Stefan überlegte, bis nach Santiago durchzulaufen, ich wollte mir, genau wie Alex, noch zwei Tage Zeit lassen. Mittlerweile freute ich mich auf Santiago und malte mir aus, wie sich das Ankommen an der Kathedrale wohl anfühlt.

Caminho Portugues Tag 10 - Blick über das Gebirge
Toller Ausblick etwas abseits der Herberge

Caminho Portugues Tag 9 – Von Arcade nach A Portela

Caminho Portugues Tag 11 – Von Valga nach Faramello

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Caminho Portugues – Tag 9

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Von Arcade nach A Portela

Caminho Portugues Tag 9 - Startbild

Nur noch 80 km bis nach Santiago, also etwa vier Tage.
Den größten Teil meines Jakobsweges habe ich also schon hinter mir und ich kann es immer noch nicht glauben!
Da Portugal in einer anderen Zeitzone liegt, lief ich dort morgens immer im Hellen los. In Galicien dagegen dämmert es um sieben Uhr noch, und auch den neunten Tag startete ich im Halbdunkel.
Die Dämmerung hüllte die Welt in ein besonderes Licht, alles wirkte ein wenig unwirklich, mir begegneten kaum Menschen. Das Krähen der Hähne und das Bellen der Hunde begleitete mich durch das hübsche Städtchen. Arcade liegt sehr idyllisch zwischen der Bucht von Vigo und den Ausläufern des Kantabrischen Gebirges, ist aber nicht touristisch erschlossen und damit noch sehr ursprünglich.

Caminho Portugues Tag 9 - Die Brücke von Arcade
Arcade früh am Morgen

Diese ersten Stunden des Tages genoss ich sehr, zumal die angekündigte Hitze noch auf sich warten ließ. Ich lief mehrere Kilometer durch eine Flussaue, lauschte den Fröschen beim Morgenkonzert und beobachtete, wie der Nebel sich langsam verzog. Für mich waren diese frühen Stunden immer die schönsten.

Hunger

Leider hatte das in meinem Wanderführer angekündigte Café um diese Uhrzeit noch geschlossen. Meinen Babybrei mochte ich nicht mit dem wenigen Wasser anrühren, die Nüsse als Zwischensnack waren leer und Obst hatte ich keines gekauft.
Nach zwei Stunden wurde der Hunger sehr unangenehm, und ich hätte wirklich gern einen Kaffee gehabt. Der nächstgrößere Ort war das mehrere Kilometer entfernte Pontevedra. Eine mittelgroße Stadt mit historischem Ortskern und guter Pilger-Infrastruktur.

Caminho Portugues Tag 9 - gelber Pfeil in der Flussaue
Achtung, nicht stoßen!

Ich lief und lief, aber die Stadt kam nicht näher. Ein weiterer Complementario, also ein Nebenweg, lockte mich weg von der Straße in eine Flussaue. Von hinten überholten mich Pilger, von vorne kamen mir Jogger entgegen. Inzwischen war mir schwindelig und ich versuchte, durch Wassertrinken in Schwung zu bleiben. Was sollte ich auch anderes tun?
Obwohl ich mich mittlerweile in der Vorstadt befand, gab es weit und breit keine Möglichkeit, etwas zu essen zu kaufen. Der Weg entlang des Flusses war schön, aber dafür hatte ich keinen Blick mehr. Ich war schlapp und merkte, dass mein Kreislauf rebellierte. Bitte keinen Schwächeanfall fernab der Straße!
Endlich erreichte ich Pontevedra. Mittlerweile war es später Vormittag und ich war schon drei Stunden unterwegs, ohne etwas gegessen zu haben. Der Jakobsweg führt mitten durch die Stadt, gleich am Ortseingang fand ich eine Herberge mit einer Bar zum Frühstücken.
Puh!
Ich bestellte mir einen großen Café con leche, eine Tortilla und einen frischgepressten Orangensaft. Für dieses Frühstück musste ich zwölf Kilometer laufen!
Ich zog Schuhe und Strümpfe aus und beobachtete die vorbeiziehenden Pilger. Zu meiner großen Freude kamen auch Nino und Melissa vorbei, die ich schon längst weiter vorn vermutet hatte. Sie setzten sich zu mir und wir verquatschten uns eine ganze Weile, was für mich eher untypisch war. Meine Pausen waren eigentlich immer ziemlich kurz, mir machte das Gehen mehr Spaß als das Sitzen.

Pontevedra

Da ich schon am Ortseingang eine längere Pause eingelegt hatte, hatte ich nur wenig Muße für die schöne Stadt. Mich zog es weiter, wieder raus in die Natur. Aber auch die etwas heikle Herbergssituation hat ihren Anteil an meiner Eile.
Die von mir angepeilte Herberge in A Portela hat nämlich nur sechzehn Betten und ist entsprechend schnell belegt. Zum Glück kann man nicht reservieren, sonst wäre sie vermutlich immer schon Tage im Voraus ausgebucht – so wie die Herberge von Fernanda in Portugal.

Caminho Portugues Tag 9 - Landschaft mit Bergen
Irgendwo hinter Pontevedra

Mittlerweile war es wirklich heiß geworden, wieder knapp dreißig Grad. Diese Hitze schlaucht natürlich, außerdem musste ich mal wieder einen Berg überwinden. Bei der Planung des Weges war mir nicht bewusst gewesen, wie bergig der gesamte Caminho Portugues doch ist.
Mir begegneten nur wenige Pilger und ich konnte mich ganz auf mich und den Weg konzentrieren. Ich lief und lief und lenkte mich durch das Hören eines Hörbuchs von der Anstrengung ab (Die Känguru-Chroniken – die beste Ablenkung ever!).

A Portela

Völlig verschwitzt und total im Eimer erreichte ich die Herberge in A Portela. Sie liegt idyllisch abseits des Weges auf einem großen Grundstück hinter einem Kloster. Einzelne Pilger saßen frisch geduscht im Garten und ich konnte nur noch erschöpft fragen: »Do you have a bed for me?«.
Sie hatten. Yeah!
Ich hatte schon in meinem Wanderführer davon gelesen, aber diese Herberge ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Hospitaleros erinnern an Hippies aus den Sechzigern, im Garten gab es viele Sitzmöglichkeiten unter einem großen Baum, Indie-Rock lief in angenehmer Lautstärke. Im vorderen Bereich spielte jemand Gitarre und sang. Hier fühlte ich mich wohl wie schon lange nicht mehr. Und dann wurden wir auch noch bekocht!

Caminho Portugues Tag 9 - Tausende Namen auf einer Wand
Pilger aus der ganzen Welt haben sich hier verewigt

An einer langen Tafel saßen wir mit knapp dreißig Leuten (für eine polnische Gruppe war ein Nebengebäude mit Matratzen geöffnet worden), aßen Eintopf, Salat und Tortilla und tranken Vino Tinto. Die Stimmung war völlig gelöst und entspannt und ich lernte wieder neue Pilger kennen: Piet, ein Holländer mit viel Pilgererfahrung, Stefan, der erst kurz zuvor den kompletten Camino del Norte gegangen war und Clemens, der mittlerweile schmerzfrei war. Auch Nino und Melissa waren hier und unterhielten sich angeregt mit den Polen.
Wer das Besondere auf dem portugiesischen Jakobsweg sucht, sollte auf jeden Fall in der Herberge in A Portela Halt machen. Diese Herberge und die Herberge in Rates (Tag zwei) vermitteln ein ganz besonderes Pilgerfeeling, das man auf diese Art sonst nicht findet.

Caminho Portugues Tag 9 - Die Herberge in A Portela
Die Herberge in A Portela

Caminho Portugues Tag 10 – Von A Portela nach Valga

Caminho Portugues Tag 8 – Von O Porrino nach Arcade

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Caminho Portugues – Tag 8

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Von O Porrino nach Arcade

Caminho Portugues Tag 8 - Startbild

Nur noch 99 Kilometer bis Santiago!
Ich verließ zwar als erste meinen Schlafsaal in O Porrino, traf aber unterwegs bereits auf einige andere Pilger. Morgenstund hat nicht nur Gold im Mund, sondern auch wunderschöne Ausblicke. Manches Mal wanderte ich durch Frühnebel, der eine ganz besondere Stimmung zaubert.
Für die kommenden Tage waren Temperaturen bis 30 Grad gemeldet. Im Mai! Aber meine Ausrüstung war in puncto Sonnenschutz besser als beim Regenschutz. Hinter O Porrino wurde es wieder ländlicher, und mittlerweile waren so viele Pilger auf dem Jakobsweg, dass eigentlich immer jemand in Sichtweite war.

Mutterfreuden auf dem Jakobsweg

Unterwegs lernte ich Michelle aus Brandenburg kennen. Die Gespräche waren so anregend, dass die Kilometer nur so vorüberflogen. Michelle freute sich, endlich eine Pilgerin mit jungen Kindern zu treffen. Mir ging es ähnlich. Die meisten Frauen, die ich unterwegs traf, hatten entweder noch keine Kinder, oder die Kinder waren längst aus dem Haus. So richtig aufgefallen ist mir das allerdings erst durch die Gespräche mit Michelle. Die Altersgruppe zwischen 35 und 45 Jahren war tatsächlich unterrepräsentiert. Wir sprachen über unsere Kinder, das Vermissen und die Schwierigkeiten, sich eine zweiwöchige Auszeit nehmen zu können. Das erklärt natürlich auch, warum so wenige Eltern schulpflichtiger Kinder unterwegs waren.
Da ich unterwegs kein Internet hatte, meldete ich mich immer erst abends aus der Herberge bei meiner Familie. Ich schickte ein paar Bilder, schrieb kurz vom Tag und berichtete, wo ich war. Mehr Kontakt fand nicht statt, was zumindest für mich gut war. Ich glaube, dass ich nach einem Telefonat oder einer Sprachnachricht meine Familie ganz furchtbar vermisst hätte.
Aber wir kamen alle ganz gut so zurecht.

Caminho Portugues Tag 8 - Morgennebel
Morgennebel hinter O Porrino

Auf einem anderen Abschnitt traf ich Annette aus Frankfurt. Sie musste herzlich lachen, als ich ihr von meiner »Zeitlosigkeit« erzählte. Zwar wusste ich jeden Tag, wo ich in etwa hingehen wollte – aber häufig wusste ich noch nicht einmal, welchen Wochentag wir hatten, von einem Datum ganz zu schweigen.
Diese Zeitlosigkeit ist der beste Beleg, dass ich vollkommen im Hier und Jetzt lebte und wunderbar abschalten konnte.
Eine dritte Pilgerin gesellte sich zu uns und erzählte, dass sie wahrscheinlich am Mittwoch in Santiago ankommen würde. Annette war entsetzt. Neunzig Kilometer in zwei Tagen! Warum?
Wir sahen Annette an, dann musste ich furchtbar laut lachen.
»Annette, wir haben Samstag! Das sind vier gemütliche Tage!«
»Samstag?« Sie starrte uns an. »Ich dachte, wir hätten Montag! Ich habe meinen Kindern heute morgen eine Nachricht geschickt, dass sie das Frühstücksbrot für die Schule nicht vergessen!«
Tja, da war Annette wohl noch zeitloser als ich …

Zu viele Menschen

Mein eigentliches Etappenziel für diesen Tag war Redondela.
Das Städtchen sollte sehr hübsch sein, einen Strand haben und ausreichend viele Pilgerherbergen. Schon von weitem hatte man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt, die an einem Ausläufer des Atlantiks liegt (Ria de Vigo). Bei dieser Hitze das perfekte Etappenziel!
Um kurz nach zwölf erreichte ich Redondela. Michelle hatte sich unterwegs zu ihr bekannten Pilgern in ein Café gesetzt, und ich ging in die Innenstadt, wo ich Nadine mit den beiden Schweizerinnen Sylvie und Laura traf. So tranken wir noch einen Kaffee zusammen, während Scharen von Pilgern an uns vorüberzogen.
Auch die fünf Brasilianer von Tag fünf waren dabei, sowie das britische Lehrerehepaar (die vielleicht gar keine Lehrer sind, aber manche Klischees wollen eben bedient werden). Als ich den dreien von der Rucksackreihe erzählte, lachten sie – vor einer der Herbergen standen bereits Rucksäcke aufgereiht und die Pilger warteten auf Einlass.
Puh, darauf hatte ich gar keine Lust.
Und weil mir Redondela ohnehin zu voll, zu laut und zu eng war, schulterte ich meinen Rucksack und ging weiter.

Caminho Portugues Tag 8 - Brücke Puente de Rande bei Vigo
Puente de Rande bei Vigo

Der nun folgende Abschnitt war definitiv einer der schönsten auf dem gesamten Camino. Es war zwar heiß, aber ich lief nahezu alleine. Die meisten Pilger waren in Redondela geblieben und würden erst am nächsten Morgen diesen Weg gehen.
Immer wieder blieb ich stehen und genoss die Landschaft, machte Fotos und fühlte mich endlich wieder so wie an den ersten Tagen in Portugal. Es ging teilweise steil bergauf, ich kämpfte mich nach oben, schwitzte wie verrückt und war einfach nur glücklich.

Caminho Portugues Tag 8 - Eine Wand voller Muscheln
Mein Begleiter vor der berühmten Muschelwand

Bergab wurde ich mit wunderbaren Ausblicken auf die Bucht von Vigo beschenkt und fühlte mich wie im Paradies. Außerdem stachelten mich die steinernen Wegweiser an. Stück für Stück kam ich Santiago näher und ich wollte unbedingt einen Kilometerstein mit der Kilometerzahl achtzig sehen. Der stand in Arcade, und dort blieb ich.
Wahnsinn! Noch vor wenigen Tagen hatte ich angezweifelt, überhaupt bis nach Spanien zu kommen. Und jetzt war ich schon so nah ans Santiago, es war unfassbar! Und ich fühlte mich noch so fit, so voller Elan und war mir ziemlich sicher, diese vier Tage auch noch zu schaffen.

Caminho Portugues Tag 8 - Blick auf die Bucht von Vigo
Blick auf die Bucht von Vigo

Ein Bett mit Bettwäsche

Da Arcade keine öffentliche Herberge hat, schlief ich das erste Mal in einer privaten. Ein absoluter Luxus mit Kojen statt Stockbetten und Bettwäsche für nur zwölf Euro! Außerdem war ich mal wieder die erste Pilgerin und konnte mir ein Bett aussuchen. Natürlich nahm ich eines, das ein bisschen abseits stand. Als ich nach dem Duschen und Wäschewaschen endlich Internet hatte, kam die nächste Freude: Marianne, Regina und Heike waren ebenfalls in Arcade!
Wir trafen uns in einem Restaurant mit Blick aufs Meer zu einem leckeren spanischen Essen. Es tat so gut, die drei wiederzusehen. Ich hatte sie richtig ins Herz geschlossen, zumal Birgit schon eine Tagesetappe weiter war als ich.
Vielleicht liegen einem die Pilger vom Anfang des Weges so besonders am Herzen, weil man sie kennenlernt, wenn noch alles neu, ungewohnt und sehr spannend ist. Wenn man seinen Trott gefunden hat, sind nicht mehr die Erwartungen interessant, sondern das unmittelbare Erleben.

Caminho Portugues Tag 8 - Kilometerstein in Arcade: 80 km
80,620 km

Leider ging es den dreien nicht so gut wie mir. Eine stark schmerzende Schulter und offene Blasen führten dazu, dass sie den Weg nicht wie geplant gehen konnten. Der Transport ihrer Rucksäcke war eine gute Lösung, führte aber dazu, dass sie jeden Tag im Vorfeld die Herberge buchen mussten. Das setzt zum einen unter Druck, zum anderen fehlt aber auch die Gemeinschaft mit den anderen Pilgern. Denn die ist in den öffentlichen Herbergen am engsten.
Deshalb unterschieden sich auch unsere Pläne für den nächsten Tag: Während ich rund zwanzig Kilometer nach A Portela laufen wollte, mussten die drei noch ein Stück weiter, da man in der dortigen Herberge nicht reservieren kann.
Es war ein schöner Abend und ich genoss die Nacht in einem normalen Bett, ohne Schlafsack und beinahe allein.

Caminho Portugues Tag 7 – Von Valenca do Minho nach O Porrino

Caminho Portugues Tag 9 – Von Arcade nach A Portela

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Caminho Portugues – Tag 7

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Von Valenca do Minho nach O Porrino

Caminho Portugues Tag 7 - Startbild

Die Nacht in der Herberge in Valenca verbrachte ich im größten Schlafsaal meines Weges – und es war erstaunlicherweise die einzige, in der ich durchschlief. Ansonsten wurde ich jede Nacht wach und schlief erst wieder ein, nachdem ich ein paar Seiten im E-Book gelesen habe.
Es regnete noch immer, auch der Wind war recht stark, sodass ich mir direkt beim Start den Poncho überwarf. Jetzt sah ich aus wie die typische Pilgerin, fühlte mich aber eher wie eine aufrecht gehende Schildkröte.
Zuerst ging es wieder auf den Hügel zur Forteleza. So früh am Morgen waren noch keine Menschen unterwegs, Nebel und tiefe Wolken ließen alles unwirklich erscheinen. Die Luft war frisch und ich genoss das Alleinsein. Im Schlafsaal war es noch ruhig gewesen, die meisten Pilger würden später losgehen.

Caminho Portugues Tag 7 - alte Gebäude
Geschäfte auf der Forteleza

Obrigada, Portugal!

Viel schneller als erwartet erreichte ich die Puente Internacional. Sie überspannt den Rio Minho, den Grenzfluss nach Spanien, und ist für Fußgänger und den Autoverkehr geöffnet. Genau in der Mitte der Brücke befinden sich die berühmten Fußabdrücke, die wohl für jeden Pilger auf dem Caminho Portugues einen Schnappschuss wert sind.
Heute war der siebte Tag und ich war tatsächlich bis zur Grenze gekommen. Und gleich würde ich sie überschreiten und damit einen ganz besonderen Teil meines Jakobsweges hinter mir lassen. Auch im Nachhinein ist mir der portugiesische Teil des Weges der liebste. Portugal habe ich als wunderschönes Land erlebt, ich vermisse die Farben und Gerüche sowie den köstlichen Kaffee. Und die Pastel de Nata.

Caminho Portugues Tag 7 - Auf der Brücke zwischen Portugal und Spanien
Klassisches Bild

Sobald ich die Brücke überquert hatte und Tui erreichte, änderte sich alles – auch die Zeit, denn Portugal liegt in einer anderen Zeitzone. Die Wegweiser waren auf einmal groß, schön und reichlich vorhanden. An Straßenlaternen und Hauswänden prangten Aufkleber und Schilder, alles verwies auf den Camino, auf Herbergen, Bars und Restaurants. Man merkte sofort, dass Spanien ganz anders auf den Camino eingerichtet ist als Portugal.
Nach einer halben Stunde auf und ab durch die Stadt erreichte ich die berühmte Kathedrale von Tui. Der richtige Zeitpunkt, um den ersten Kaffee zu trinken.

Caminho Portugues Tag 7 - Kathedrale von Tui
Die Kathedrale von Tui

Als ich die Tür eines Cafés direkt gegenüber der Kathedrale öffnete, traute ich meinen Augen kaum: Da saßen tatsächlich die drei Pfälzerinnen vom ersten Abend auf dem Campingplatz! Die Freude war groß, wir tauschten die Erlebnisse der letzten Tage aus, ich freute mich, dass Birgit in ihrer Unterkunft geschlafen hatte und wir tauschten Handynummern aus.
Es war schön, Regina, Marianne und Heike wiedergetroffen zu haben. Irgendwie waren mir die Pilger, die ich zu Beginn kennenlernte, emotional näher als die Pilger im weiteren Verlauf des Weges. Wir wünschten einander einen guten Weg, begegneten uns aber im Laufe des Vormittags noch mehrmals, bis wir uns dann aus den Augen verloren.

Aus Bom Caminho wird Buen Camino

Mir war klar, dass sich der Weg ab Tui ändern wird, denn hier beginnen die letzten 100 Kilometer. Wer am Ende in Santiago die Compostela, also die Pilgerurkunde, haben möchte, muss mittels Stempeln im Pilgerpass nachweisen, dass er die letzten 100 Kilometer zu Fuß gegangen ist (oder 200 Kilometer mit dem Rad oder auf dem Pferd). Dafür benötigt man zwei Stempel pro Tag. Für den ersten Teil des Weges (und die Distancia, die Urkunde über die zurückgelegte Strecke) reicht ein Stempel pro Tag.
Ab Tui wurde der Weg dann wirklich voll und verlor für mich auch den besonderen Charme, das, was den Jakobsweg so einzigartig macht.
An den ersten Tagen traf ich manchmal mehrere Kilometer lang keine oder nur vereinzelte Pilger und jedes Aufeinandertreffen war ein Grund, sich zumindest ein »Bom Caminho« zu wünschen. Es war freundlich und ein Miteinander, auch wenn man sich nicht kannte und auch nie wieder sehen würde.

Caminho Portugues Tag 7 - alte Brücke
Ponte das Febres

Hier war es anders. Auf mein »Buen Camino« reagierte kaum jemand, es gab mehr Gruppen und damit mehr Unruhe. Etwa eine Stunde hinter Tui setzte ich mich zum Frühstücken auf einen Feldweg und packte meine Sachen aus. Zwei Pilgerinnen kamen vorbei, sahen mich dort sitzen und meinten beinahe mitleidig: »Hier gibt es wirklich zu wenig Bänke.«
Ich lachte und fragte, ob dies ihr erster Tag sei. Sie nickten und ich wünschte ihnen einen guten Weg. Bänke! Ich musste immer noch lachen. Der Jakobsweg ist ein Pilgerweg, kein prämierter Fernwanderweg mit Vesperinseln! Und während ich mich noch über die Anspruchshaltung wunderte, kamen zwei weitere Pilgerinnen auf mich zu. Eine strahlte mich an, wünschte mir einen guten Appetit und drückte mir ein vierblättriges Kleeblatt in die Hand. »Viel Glück auf dem Weg!«, wünschte sie und ging fröhlich weiter.
Ich bedankte mich und war entzückt. Ja, auch das ist der Camino!
Ob die Pilgerin weiß, welchen schönen Moment sie mir mit dieser kleinen Geste bereitet hat?

Caminho Portugues Tag 7 - zwei Kilometersteine
Tja, und nun?

Der Weg führte nach einiger Zeit wieder durch die Natur, es gab wieder mehr Waldwege und weniger Asphalt. Eine Wohltat für Füße und Gelenke!
Da der Caminho Portugues jedes Jahr beliebter wird, gibt es auch immer mehr Complementarios, also »Nebenwege«. Diese sind landschaftlich schöner als die alten Wege, dafür manchmal aber auch länger. Aber sie sind definitiv eine Empfehlung, ich würde jederzeit einen Complemantario vorziehen. Sie führen oft an Flüssen oder Bächen vorbei, sind urwüchsiger und natürlicher als die alten Wege.
Unterwegs traf ich auf Nadine vom Vorabend in Valenca, sowie zwei Schweizerinnen, die ich schon ein paar Mal gesehen, mit denen ich aber noch keinen Kontakt gehabt hatte. In einem Café kamen wir ins Gespräch und gingen bis nach O Porrino mehr oder weniger gemeinsam. Mal liefen wir ein paar Meter zusammen, dann hintereinander, irgendwann verloren wir uns aus dem Blick, nur um kurz darauf wieder ein paar hundert Meter gemeinsam zu gehen.
Wir kamen früh in O Porrino an, die öffentliche Herberge lag direkt am Weg, war aber noch geschlossen. Nadine und Sylvie und ihre Tochter Laura wollten in einer kleineren Herberge übernachten, also trennten sich hier unsere Wege (fürs Erste).
Vor der Herberge setzte ich mich in den Schatten auf eine Bank, auch eine polnische Familie wartete auf die Öffnung der Herberge. Alles war entspannt, jeder hing seinen Gedanken nach und ruhte sich aus – bis zwei Briten kamen, Typ pensioniertes Lehrerehepaar. Sie fragten jeden von uns ab, ob dies unser erster Camino sei und erklärten, dass wir unsere Rucksäcke entsprechend unserer Ankunft in eine Reihe stellen sollten. Ich fand das völlig übertrieben, zumal wir zu diesem Zeitpunkt zu sechst waren und die Herberge – mit 52 Betten! – in einer Viertelstunde öffnen würde. Aber ich tat wie geheißen, damit das Ehepaar endlich still war.

Caminho Portugues Tag 7 - Schlafsaal in O Porrino
Schlafsaal in O Porrino

Die Herberge in O Porrino war meine erste auf spanischem Gebiet und ließ Heimweh nach Portugal aufkommen. Die Betten waren mit sonderbarem Plastik überzogen (die in Portugal auch, aber das fühlte sich nicht so komisch an), schmutzig, und die Küche enthielt – nichts. Keine Tasse, keinen Teller, keine Gabel, keinen Kühlschrank. Ich habe keine Ahnung, wer sich so etwas ausgedacht hat. Nun ja. Ich ging also duschen, wusch meine Wanderkleidung und bezog wie gehabt das hinterste Bett an der Wand.
Leider war auch das so sehr auf Regeln bedachte britische Ehepaar in meinem Schlafsaal und entpuppte sich als die rücksichtslosesten Pilger, die ich bis dahin erlebt hatte (noch schlimmer als die Brasilianer von Tag 4). Sie raschelten und knisterten wie verrückt mit ihren Taschen, obwohl ich im selben Raum lag und mich offensichtlich ausruhen wollte. Ich glaube, der Mann hatte jede einzelne Socke, jeden Apfel und jedes Stück aus seinem Kulturbeutel einzeln in Tüten gepackt und probierte nun aus, ob die Dinge nicht in einer anderen Tüte besser aufgehoben waren.
Später wurde die polnische Familie wegen ihrer Gespräche aus dem Schlafsaal komplimentiert und das Geraschel und Geknister der Briten begann von vorn, untermalt mit lauten Gesprächen. Warum die Polen den Schlafsaal verlassen sollten, wurde mir nicht klar. Um Ruhe ging es den beiden schließlich nicht.
Nun ja. Später ging ich in den Ort, weil ich Hunger hatte. Die Küche war ja nicht zu benutzen, außerdem wollte ich mir gern Voltaren-Gel wegen meiner Hüfte kaufen. Vor mir humpelte Clemens in Richtung Stadt. Schon am Vorabend in Rubiaes hatte er von starken Schmerzen in den Schienbeinen erzählt und war offensichtlich immer noch nicht schmerzfrei.
Ausgerüstet mit Voltaren, einer Flasche Wasser und einer Tafel Schokolade traf ich am Marktplatz auf die beiden Ehepaare aus Salzburg, die sich das erste Bier schmecken ließen. Auch wenn ich allein in der komischen Herberge war, so war ich doch nicht allein in der Stadt. Es dauerte auch gar nicht lange, bis ich auf Nadine, Sylvie und Laura stieß, und wir gingen gemeinsam essen.

Caminho Portugues Tag 7 - Hamburger mit Kartoffeln
Menu del Dia – empfehlenswert!

Die drei planten eine Rundfahrt von Santiago zum Kap Finisterre am Ende ihres Weges. Viele Pilger gehen nach ihrer Ankunft in Santiago de Compostela noch weiter bis nach Fisterra und zum Kap Finisterre, dem Ende der Welt. Früher dachte man, dass hier die Welt zu Ende sei. In gewisser Weise ist sie das auch, denn am westlichsten Zipfel Galiciens endet das Festland und man sieht nur noch das Meer.
Ich lag gut in der Zeit. Wenn nichts Gravierendes dazwischenkam, würde ich sogar einen Tag früher als geplant in Santiago ankommen. Aber eine zehnstündige gebuchte Busfahrt für über dreißig Euro war nun definitiv das Letzte, was ich mir nach meiner Ankunft vorstellen konnte. Ich winkte ab.
Erstmal hatte ich Spanien erreicht, was mir nach Tag 3 in Barcelos beinahe unmöglich erschien. Die Freiheit, alles auf mich zukommen zu lassen, gehörte mit zum Schönsten auf meinem Camino. Da wollte ich mir wirklich noch keine Gedanken über Santiago machen. Das Einzige, was feststand, war mein Rückflug von Porto in acht Tagen. Der Rest würde sich geben.

Caminho Portugues Tag 8 – Von O Porrino nach Arcade

Caminho Portugues Tag 6 – Von Rubiaes nach Valenca do Minho

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Caminho Portugues – Tag 6

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Von Rubiaes nach Valenca do Minho

Titelbild Caminho Portugues Tag 6

Zum Frühstück gab es in der Bar gegenüber der Herberge in Rubiaes für mich einen »Coffee to go« und ein leckeres Törtchen, Pastel de Nata. Leider habe ich diese portugiesische Köstlichkeit erst nach ein paar Tagen für mich entdeckt – und meine Zeit in Portugal war nicht mehr lang. Heute, spätestens morgen, wollte ich die Grenze nach Galicien überschreiten.

Selbstverpflegung

Meinen Kaffee ließ ich mir in die von zu Hause mitgebrachte Emaille-Tasse ausschenken, um mich schnell auf den Weg machen zu können. Für diesen Tag war nämlich wieder Regen gemeldet und ich wollte so weit wie möglich mit trockener Kleidung kommen. Außerdem schleppte ich nun schon seit dem ersten Tag in Porto diese Tasse mit mir herum und wollte sie – zumindest aus Prinzip! – wenigstens mal benutzt haben.
Die Idee erwies jedoch als nur mittelprächtig ausgereift, denn mit einer gefüllten Kaffeetasse in der einen und einer Pastel de Nata in der anderen Hand lief es sich nicht so gut. Also setzte ich mich erstmal auf ein Mäuerchen, genoss mein erstes Frühstück und grinste bei den Blicken der vorbeiziehenden Pilger fröhlich zurück.

Caminho Portugues Tag 6 - Wegweiser. Halbzeit!
Halbzeit!

Die Bar hat auch ein kleines Angebot an Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs (also Duschgel, Blasenpflaster und Ponchos). Weil ich am Vorabend so große Lust auf ein Müsli hatte, kaufte ich einen Liter Milch, Obst und eine Packung Müsli. Der Sprache nicht mächtig, ließen zumindest die Bilder von Getreide und Obststückchen Müsli erwarten.
Als ich jedoch den Karton öffnete, erinnerte der Inhalt eher an Fischfutter. Kleine, dünne, braune Flöckchen, die nicht ansatzweise nach Müsli aussahen. Erst beim aufmerksamen Packungs-Studium fand ich heraus, dass es sich um Baby-Brei handelte. Nun ja, also aß ich – bevor mich Nino und Melissa zu ihren leckeren Spaghetti einluden – eben Babybrei. Und am Morgen bereitete ich mir in meiner tollen, von zu Hause mitgebrachten Outdoor-Schüssel zum Zusammenfalten eben Babybrei für unterwegs.
Hauptsache, die Rohstoffe stimmen … ;)

Mein nahrhaftes Mittagsmahl nahm ich auf einem Stein sitzend zu mir und lächelte die Vorüberziehenden entwaffnend an. Ich bemühte mich jedenfalls, kein Mitleid aufkommen zu lassen (die zerdrückte Banane hatte längst den Braunton des Vollkorn-Babybreis angenommen).

Caminho Portugues Tag 6 - kleine Staustufe im Fluss
Erstmal nur Nässe im Flussbett

Der Jakobsweg führte nach einer Weile aus den Bergen heraus, abwechselnd durch kleine Dörfer, Wälder und Felder. Die Landschaft wurde insgesamt mit jedem Tag bergiger, da ich aber durch das viele Wandern mittlerweile gut im Training war, auch nicht merklich anstrengender.

Trockene Füße

Ohnehin fühlte ich mich richtig gut. Meine größte Sorge im Vorfeld waren meine Füße gewesen, da ich im Alltag ausschließlich barfuß oder in Barfußschuhen laufe. Die täglichen Kilometer in festen Wanderschuhen waren quasi das genaue Gegenteil davon und ich wusste nicht, wie meine Füße, aber auch der gesamte Haltungsapparat, mit der ungewohnten Belastung umgehen würden.
Das Wandern in Barfußschuhen war für mich keine Option, da ich auf langen Strecken irgendwann vom Ballen- in den Fersengang übergehe. Und über mehrere Kilometer und mit dem zusätzlichen Rucksackgewicht von knapp 9 Kilogramm (inkl. Wasser und Proviant) waren mir die Erschütterungen durch die ungedämpften Schuhe zu stark.
Aber toi-toi-toi: Ich blieb bis zum Ende des Camino blasenfrei!

Caminho Portugues Tag 6 - kleiner Ort im Gebirge
Gontumil, 10 km hinter Rubiaes

Leider begann es wieder zu regnen, diesmal stärker als auf dem Weg nach Rubiaes, außerdem ging ich durch offene Landschaft und nicht durch den Wald. Trotz Regenjacke waren irgendwann alle Klamotten nass, der Regen lief mir unter der Wäsche am Körper hinunter, ich konnte kaum den Kopf heben, um den Weg auszukundschaften. Außerdem war es kalt. Und wirklich nicht schön.
Eigentlich hatte ich für heute den Grenzübergang angepeilt, beschloss aber, in Valenca do Minho zu bleiben. Die wenigen Kilometer bis nach Tui wären eine Qual geworden, zumal ich mittlerweile komplett nass war und fror.

Die Fortaleza – Portugals Festung gegen die Galicier

Also folgte ich den Wegweisern zur öffentlichen Herberge. Die gelben Pfeile führten mich eine Anhöhe hinauf auf die Fortaleza, eine riesige, alte Festungsanlage. Sie ist auch heute noch eine der größten und am besten erhaltenen Festungsanlagen Portugals. Mit Blick auf den Rio Minho, den Grenzfluss nach Spanien, und das dahinter liegende Tui konnte sich Portugal jahrhundertelang gegen das Eindringen der Galicier wehren.
Doch für all das hatte ich keinen Blick, weil ich für heute die Nase mehr als voll hatte und einfach nur noch die Unterkunft wollte. Aber natürlich war es auch auf der Fortaleza so wie in jeder Stadt auf dem Camino: Es fehlten die Pfeile. Ich lief hin und her, durchschritt Tore und Wälle und überquerte mehrmals den alten Wassergraben, aber ich fand keine Pfeile mehr. Da ich ja mittlerweile wusste, dass man allerhöchstens bei den jungen Leuten mit Englisch weiterkommt, ging ich in ein Café und fragte die Bedienung nach der Albergue San Teotónio. Sie war sehr freundlich und erklärte mir wortreich den Weg – auf Portugiesisch. Immer wieder fiel das Wort »Bombeiro«, das mir aus meinen Spanisch-Lektionen im Vorfeld bekannt vorkam, aber ich hatte die Übersetzung vergessen.

Caminho Portugues Tag 6 - Selfie im Spiegel
Regenselfie

Egal, ich folgte ihren Gesten nach draußen und wieder zurück nach Valenca, es regnete immer noch und ich war wirklich genervt von der Situation. Als ich dann aber außerhalb des Festungsgeländes das Gebäude der Feuerwehr entdeckte, wusste ich auch wieder, was »Bombeiro« bedeutete: Feuerwehr.
Und direkt daneben stand auch die Herberge, an der ich vorher mit gesenktem Kopf vorbeigelaufen war. Das hat man nun davon, wenn man sich zu sehr auf die gelben Pfeile fixiert. Leider habe ich vor lauter Frust kein Foto von der Fortaleza gemacht. Sehr schade!

Warten auf Einlass

Mittlerweile war es viertel vor zwei, um zwei Uhr öffnete die Herberge. Ich stand also klatschnass und allein vor der Herberge und wartete auf Einlass. Das dauerte zum Glück nicht lange und ich war das erste Mal auf meinem Pilgerweg die Erste an einer Herberge. Aber ich war ja auch nur knapp 17 Kilometer gelaufen, die meisten Pilger liefen vermutlich noch weiter oder waren später losgegangen als ich (oder machten mehr Pausen). Doch für meine Hüfte, die noch immer ein wenig schmerzte, war eine kurze Etappe sicher auch nicht das Schlechteste.

Caminho Portugues Tag 6 - Blick auf Regen und Wind
Wetter

So konnte ich mir zumindest ein Bett im riesigen 32-Betten-Saal aussuchen: Ganz hinten an der Wand. Und für ein kleines bisschen Privatsphäre hängte ich mein Duschtuch vor mein Bett. In der Küche fand ich dann noch einen abgelegten Poncho, den ich mir vorsorglich für den nächsten Tag einpackte. Auch das gehört zu den schönen Seiten auf dem Camino: Was man selbst nicht braucht, verschenkt man an andere Pilger, die es gebrauchen können. Oder man legt es für nachfolgende Pilger ab. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Caminho Portugues Tag 6 - Schlafsaal mit 16 Stockbetten
Die Qual der Wahl

Es dauerte eine ganze Weile, bis die nächsten Pilger kamen, aber am Abend war der Schlafsaal beinahe voll. Das hatte ich nach meiner Ankunft nicht erwartet. Zu meiner großen Freude waren auch zwei Bekannte dabei: Sophie, die ich an dem Imbisswagen auf der Bergkuppe getroffen hatte, und Nadine, die Langschläferin aus der Herberge in Rates.
Sophie war in Lissabon gestartet, mittlerweile fünf Wochen unterwegs (für mich war es gerade mal Tag 6!) und hatte langsam keine Lust mehr. Während ich ein wenig wehmütig auf meine Zeit in Portugal zurückblickte (denn morgen würde ich die Grenze überschreiten), freute sie sich, bald endlich in Santiago anzukommen.
Ich war sehr beeindruckt und bin es noch heute, denn nur sehr wenige Pilger beginnen ihren Caminho Portugues in Lissabon. Fast alle starten, so wie ich, in Porto.

Caminho Portugues Tag 7 – Von Valenca do Minho nach O Porrino

Caminho Portugues Tag 5 – Von Ponte de Lima nach Rubiaes

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Caminho Portugues – Tag 5

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Von Ponte de Lima nach Rubiaes

Rückblickend waren die letzten beiden Tage sehr typisch für eine Fernwanderung: Irgendwann in den ersten Tagen kommt so ein »ich kann nicht mehr, was soll der ganze Scheiß«-Tag, aber auch der »ab jetzt läuft es sich von alleine«-Tag.
Das Frühstück in der Jugendherberge in Ponte de Lima war einsam, einzig zwei weitere Pilger befanden sich im ungemütlichen Speisesaal im Untergeschoss, sonst niemand.
Ziemlich lustlos aß ich also meine beiden Brötchen und trank meinen Automatenkaffee (okay, nicht jeder Kaffee in Portugal ist preisverdächtig). Dafür war aber die nette Reinigungskraft wieder da, die am Vorabend netterweise meine im Nieselregen hängende Wäsche einfach zu der Herbergswäsche in den Trockner gepackt hat, während ich in der Stadt unterwegs war. So war heute alles wieder einsatzbereit.

Es wird voll

An diesem Morgen kam ich erst gegen 9 Uhr los und vertrödelte auch noch Zeit auf der Suche nach Geld und Proviant. Anders als bisher waren diesmal richtig viele Pilger unterwegs; überall sah ich die großen Rucksäcke und Kleingruppen mit Wanderstöcken. Offensichtlich war Ponte de Lima ein Einstiegspunkt für viele, die den Weg nicht ab Porto gehen möchten.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es ab da mit der gemächlichen Ruhe auf dem Camino vorbei sein würde. Mit so vielen Menschen hatte ich eigentlich erst ab der Landesgrenze bei Valenca/Tui gerechnet. Dort beginnen die letzten 100 km, die man für den Erhalt der Compostela zurückgelegt haben muss.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick von Ponte de Lima auf Berg in den Wolken
Da hinten geht es hoch

Laut Wanderführer stand mir an diesem Tag der höchste Punkt des gesamten Weges bevor. Es regnete immer wieder, was mir aber nicht so viel ausmachte. Regen ist mir immer noch lieber als Hitze. Vor mir lief eine Fünfergruppe, die mir schon einen ersten Vorgeschmack auf den weiteren Weg lieferte: saubere, schicke Sportkleidung, weiße, staubfreie Sneaker, winzige Rucksäcke mit einer viel zu großen Pilgermuschel – und laut. Einer der Wanderer hatte die brasilianische Flagge an den Rucksack gebunden; offensichtlich handelte es sich hier um eine organisierte Reisegruppe mit Gepäcktransport. Im Übrigen traf ich auf dem Weg noch mehr Brasilianer, außerdem wurde der Weg ab sofort ohnehin sehr viel internationaler.
Diese fünf Brasilianer waren mir jedenfalls viel zu laut. Sie gackerten und schwätzten, blieben immer wieder stehen und blockierten den Weg. Man merkte ihnen deutlich an, dass sie noch ganz frisch unterwegs waren. Mit ein paar Kilometern in den Knochen wird man ruhiger – und schmutziger.
Das Wetter wurde immer unbeständiger, der Weg dafür umso voller. Manchmal sehnte ich mich nach der Ruhe von Tag drei und vier zurück, zumal ich auch niemanden aus »meiner« Gruppe traf. Dafür aber immer wieder die lauten Brasilianer, weil wir aus irgendeinem Grund eine ähnliche Gehgeschwindigkeit hatten. Sie blieben mehrmals mitten auf dem Weg stehen, um Selfies zu machen, benahmen sich sehr rücksichtslos und grüßten niemanden. Also legte ich einen Zahn zu, um sie hinter mir zu lassen.

Es wird nass

Mittlerweile hatte es sich eingeregnet, der Weg führte gemächlich, aber kontinuierlich, bergan. Aus dem Wanderführer wusste ich, dass kurz vor der richtigen Steigung noch ein Café kommt, das ich unbedingt aufsuchen wollte. Ein Kaffee war dringend nötig, außerdem hatte ich Hunger.
Aber ich ging und ging und ging, der Regen prasselte auf mich herab, immer wieder überholte ich andere Pilger, die sich bergauf kämpften. Wo blieb nur das Café?

Caminho Portugues Tag 5 - Eukalyptuswald mit Schlammboden
Es war schlammiger und steiler, als es aussieht


Ich fand es mittlerweile wirklich anstrengend und hatte ein wenig Muffen vor dem weiteren Weg. Wenn all das hier noch vor dem Café lag, wie steil musste es erst dahinter werden? Irgendwann war ich dann im Wald, Schlamm floss den Berg hinab, ich versuchte, den größten Pfützen auszuweichen. Denn nasse Wanderschuhe sind eine tolle Chance für Blasen an den Füßen – und ich war doch bisher so schön blasenfrei!
Immer wieder musste ich stehenbleiben, um meinen Rücken zu entlasten und ein paar Nüsse zu essen. Das Café hatte ich wohl verpasst, also würde ich auch so schnell nichts Essbares mehr bekommen.

Es wird steil

Das letzte Stück war wirklich steil. Man klettert und krabbelt Felsen empor, ich war mittlerweile echt k.o. und wollte nicht mehr weiter. Aber bei strömendem Regen war ein Picknick im Wald auch keine Alternative. Und als ich mal wieder am Wegesrand stand und mich auf meinen Stöcken abstützte, hörte ich es hinter mir schnattern. Die Brasilianer!
Resigniert nahm ich die Kopfhörer ab, denn bei dem Lärm verstand ich mein Hörbuch sowieso nicht mehr. Nun ja, dann war es eben so. Am Franzosenkreuz Cruz dos Franceses machte ich nur kurz Halt. Hier werden von Pilgern Andenken und Steine abgelegt, ähnlich dem Cruz de Ferro auf dem Camino Francés.

Caminho Portugues Tag 5 - das Franzosenkreuz Cruz dos Franceses
Cruz dos Franceses

Auch das letzte Stück war noch mal richtig steil, aber ich konnte schon die Bergkuppe sehen. Und ein Schild: Oben würde mich eine Bar mit Pommes, Bier und Kaffee erwarten. Juhu! Im Wanderführer stand nichts davon und ich freute mich auf die Überraschung, da ich ja das Café am Fuße des Berges verpasst hatte.
Frisch motiviert stieg ich also weiter, machte keuchend ein paar Fotos und ein Kurzvideo und ging schnell weiter zum Kaffee. Oder, wenn ich ehrlich bin: Ich wollte zum Bier. Zu einem schönen, kühlen, prickelnden Bier. Egal, dass wir gerade einmal 13 Uhr hatten – das hatte ich mir nach diesem Anstieg redlich verdient. Noch hundert Meter und ich würde sowohl Hunger als auch Durst löschen können!
Tja. Das Café entpuppte sich als Imbissbude mit drei Sitzgarnituren aus Plastik, die im Regen standen. Aber immerhin traf ich Sophie dort oben, die ich am Vorabend in Ponte de Lima kennengelernt hatte. Wir redeten kurz, ich kaufte mir eine Cola und eine Minidose Chips und machte mich an den Abstieg. Das war sicherlich nicht nahrhaft, aber auf eine Portion Pommes im Regen hatte ich nun wirklich keine Lust.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick über bewaldete Berge
Oben angekommen

Von hinten hörte ich dann plötzlich ein fröhliches »Hallo!«: Birgit!
Wir verabredeten uns für das nächstgelegene Café, das in etwa zwei Kilometern kommen musste, und schon war sie wieder weg. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, im Garten des Cafés saßen viele Pilger, die Stimmung war gut. Doch so kurz vor unserem Ziel in Rubiaes hatte ich nicht mehr die Ruhe, gemütlich einen Kaffee zu trinken. Ich hatte Angst, kein Bett mehr in der Herberge zu bekommen, denn der Ansturm schien mir recht groß. Deutlich größer als an den bisherigen Tagen, wo ich nie ein Problem hatte, ein Bett zu finden.

Es wird eng

Die öffentliche Herberge in Rubiaes ist groß, rundherum gibt es mehrere private Herbergen, aber auch Pensionen und sogar Hotels. Aber die Preise in den öffentlichen Herbergen sind unschlagbar: 5 Euro (oder eine Spende) für einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer. Natürlich wollte ich lieber in die öffentliche Herberge als in ein Hotel mit Wäscheservice – und ich hatte echtes Glück: In der Herberge gab es nur noch eine Handvoll freie Betten! Ich bekam eines in einem Acht-Bett-Zimmer zugewiesen, gemeinsam mit zwei Ehepaaren aus Salzburg und drei Einzelpilgern. Wenige Minuten später war die Herberge voll.

Caminho Portugues Tag 5 - Die öffentliche Herberge in Rubiaes
Die Albergue in Rubiaes

Kein Wunder – alle waren nass, der Weg war anstrengend gewesen, die nächste günstige Herberge war kilometerweit entfernt. Hier war eine Art Sammelplatz, aber auch der größte Schlafsaal, der mir auf dem Caminho Portugues unterkam: 42 Betten in einem Raum! Das waren 21 Stockbetten, dicht an dicht. Was war ich froh um mein Achtbett-Zimmer!
Später wurden sogar noch Matratzen in den Gemeinschaftsraum und die Flure gelegt, um niemanden abweisen zu müssen. Um Viertel vor zehn ging die Hospitalera durch die Gänge und löschte überall das Licht. Die Herberge war dunkel und es kehrte Ruhe ein.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick ins Acht-Bett-Zimmer
Acht-Bett-Zimmer

Es wird schön

In dieser Herberge traf ich übrigens Nino und Melissa vom Vorabend in Ponte de Lima wieder. Sie kochten mit zwei anderen deutschsprachigen Pilgern zusammen Spaghetti und luden mich zum Essen ein. Lustigerweise waren die anderen beiden jene Pilger aus dem Speisesaal der Jugendherberge (sie erkannten mich wieder, ich sie allerdings erstmal nicht). Die Pilgerwelt auf dem Caminho Portugues war irgendwie doch überschaubar.
An jedem einzelnen Tag habe ich neue Pilger kennengelernt, die meisten aus Deutschland bzw. Österreich und der Schweiz. Ich traf wirklich interessante Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten und Berufen. Einige trugen schwere und mittelschwere Päckchen mit sich (Trennungen, berufliche Umorientierungen, große Verluste), andere reizte die Herausforderung, wieder andere erfüllten sich einen lang gehegten Traum. Und sehr viele Pilger hatten schon andere Jakobswege beschritten, die meisten den Camino Francés.
Jeder von uns hat eine Geschichte, und wir alle sind Teil einer Gemeinschaft, ohne uns verstellen zu müssen. Einfach so, wie wir sind. Mit all unseren Macken.
Und das ist toll!

Caminho Portugues Tag 4 – von Barcelos nach Ponte de Lima

Caminho Portugues Tag 6 – Von Rubiaes nach Valenca do Minho

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Caminho Portugues – Tag 4

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Von Barcelos nach Ponte de Lima

Die Nacht in der Herberge in Barcelos tat gut. Auch die Gespräche mit den anderen Frauen haben geholfen – vielleicht auch die Schmerzsalbe, die ich mir ausgeliehen habe.
Trotzdem tat die Hüfte am Morgen noch weh, also nahm ich eine Schmerztablette. Das ist normalerweise nicht meins, aber falls es mir so gehen sollte wie am Vortag, würde ich keine fünf Kilometer weit kommen. Dieser vierte Tag war ohnehin mit einem großen Fragezeichen versehen, denn das nächste Etappenziel, Ponte de Lima, lag knapp 34 km von meinem Startpunkt entfernt. Für mich unerreichbar.
Die einzige öffentliche Herberge in Portela de Tamel lag nur 10 km entfernt auf einem Berg, das war mir aber eigentlich als Tagesetappe zu kurz. Blieb nur ein Zwischenstopp bei Fernanda nach etwa 19 km.
Eigentlich eine ideale Weglänge – wenn Casa Fernanda nicht im Internet als »Kult-Herberge« bekannt und teilweise schon Tage im Voraus ausgebucht wäre. Für mich war Vorbuchen nie eine Option, ich wollte einfach jeden Tag auf mich zukommen lassen und ein angepeiltes Ziel auch mal nicht erreichen müssen oder sogar daran vorbeilaufen.

Freundschaften

Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das geschafft habe, aber ich bin an der Herberge von Portela de Tamel vorbeigelaufen, ohne sie zu bemerken. Sie war zwar ohnehin nicht mein Ziel, aber ich hatte mich schon eine Weile auf einen Kaffee gefreut, den ich dort trinken wollte.
Der Weg führte steil bergauf, zuerst durch kleine Orte und Felder, später durch Eukalyptuswälder. Es wurde ruhiger, ich sah so gut wie keine anderen Pilger. Auch keine Portugiesen, schon gar nicht im Auto. Ab und zu begegnete ich Birgit, wir gingen dann ein paar Meter zusammen, ehe jede wieder ihren eigenen Weg ging.
Auf dieser Wegstrecke spürte ich erstmals das Glück beim Wandern, das ich bisher so vermisst hatte. Ich war allein, konnte in meinem Tempo gehen, meinen Gedanken nachhängen und die Natur genießen. Auf dem weichen Waldboden lief es sich so viel besser als auf Asphalt und Kopfsteinpflaster und manchmal fühlte es sich sogar so an, als seien meine Beine schneller als der Rest des Körpers.

Caminho Portugues Tag 4 - Kirche hinter Barcelos

An einem heiligen Kreuz traf ich Birgit wieder und wir machten eine kurze gemeinsame Pause. Vier italienische Radpilger erreichten kurz nach uns das Kreuz. Wir wünschten uns „Bom Caminho“, fotografierten einander, machten Gruppenselfies, lachten zusammen und dann gingen beziehungsweise fuhren wir alle wieder unserer Wege.
Solche Momente machen den Reiz des Camino aus. Man begegnet sich, hat ein paar schöne, kuriose oder lustige gemeinsame Momente, geht aber keinerlei Verpflichtung miteinander ein. Man kann zusammen weitergehen, es ist aber völlig in Ordnung, wenn jemand lieber alleine läuft. Auf diesen kurzen Stücken können sich Freundschaften bilden, man findet Weggefährten für die nächsten Minuten, Stunden oder Tage – oder man sieht sich nie wieder. Die sozialen Kontakte auf dem Camino habe ich durchweg als frei, unbeschwert und echt erlebt.
Sprachliche Hürden haben wir mit viel Kreativität gemeistert, ansonsten sind Herkunft, sozialer Status, Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen völlig egal. Es geht um den Menschen, der man ist, nicht um die Fassade, die man – oft für andere – aufstellt.

Das Wandern lief an diesem Tag übrigens wie geschmiert. Vielleicht war es die Schmerztablette, vielleicht hatte ich mich auch endlich eingelaufen. Auf einmal erschienen mir die mehr als 30 Kilometer nach Ponte de Lima doch noch machbar.
In der Nähe eines kleinen Ortes sah ich einen ungewöhnlich bewachsenen Berg in der Ferne. Beim langsamen Näherkommen dachte ich zuerst an die teilweise vertrockneten Wälder in Deutschland, denen die Dürre des Vorjahres zugesetzt hatte. Doch irgendwann zeichnete sich deutlich ein Waldbrandgebiet ab. Im Internet hatte ich regelmäßig von Waldbränden in Portugal gelesen und mir wurde ein wenig mulmig.

So schön die Eukalyptuswälder beim Durchwandern sind, so gefährlich sind diese Monokulturen. Eukalyptusbäume wachsen schnell und liefern der Papier- und Zelluloseindustrie Portugals wertvolle Rohstoffe. Was für die Marktwirtschaft dieses ohnehin armen Landes ein Gewinn ist, ist für die Natur eine Katastrophe. Die Monokulturen laugen die Böden aus und sind extrem brandgefährdet. Im Jahr 2017 kamen bei einer großen Feuersbrunst in Portugal 47 Menschen ums Leben.
Mir war unbehaglich beim Wandern durch die längst erkalteten Brandstellen und ich beeilte mich, das Waldstück hinter mir zu lassen.

Die falschen gelben Pfeile

An diesem Tag hatte ich optimales Wanderwetter – wolkig, trocken, nicht zu warm. Und hatte ich schon erwähnt, wie gut es lief?
Meine Hüfte tat kaum weh, die Füße machten noch gut mit, zwischendrin stärkte ich mich mit einem Kaffee und ich lief und lief und lief. Eigentlich war mein Plan, bei Fernanda zu klingeln, denn die würde ganz bestimmt eine Lösung für dieses in dieser Gegend doch alltägliche Übernachtungsproblem finden. In irgendeinem kleinen Ort unterwegs sah ich ein Schild mit der Aufschrift »Caminho Central« und blieb kurz stehen. Da ich aber schon mehrmals davon gelesen hatte, dass Café- und Bar-Besitzer die Pilger von der Route weglockten, entschied ich mich dagegen und folgte weiterhin den mir bekannten gelben Pfeilen. So, wie auch schon an den drei Tagen zuvor.

Caminho Portugues Tag 4 - gelber Pfeil an Stein
Typische gelbe Pfeile

Und ich lief bergauf und bergab, kam durch kleine Dörfchen, ging auf schmalen Pfaden, blieb ab und zu schnaufend stehen und lief weiter. Aus den Wolken fielen die ersten Tropfen, der Weg kam mir immer komischer vor. Eigentlich hätte ich schon längst bei Fernanda sein müssen, zumindest aber irgendwo in der Nähe der Hauptstraße nach Norden. Als dann irgendwo im Wald plötzlich die gelben Pfeile durch rote Streifen ersetzt wurden, wurde ich misstrauisch. Das erschien mir ganz und gar komisch. Und wenn meine Komoot-App, mit der ich meinen Weg aufzeichnete, nicht total daneben lag, lag ich daneben. Aber richtig. Und da ich keine Lust auf eine Nacht allein im portugiesischen Wald hatte, ging ich zurück in den letzten Ort, wo ich auf Waldarbeiter traf.
Mit Händen und Füßen versuchten wir, miteinander zu kommunizieren (er erkannte mich zumindest als Pilgerin!), aber ich verstand ihn einfach nicht. Nur, dass ich falsch war. Aber das hatte ich ja schon selbst gemerkt. Erschöpft und verwirrt hielt ich mir Daumen und Zeigefinger ans Ohr und sagte immer wieder: »Taxi. Taxi«.
Irgendwann verstand der Mann, zückte sein Handy und telefonierte. Mit dem Zeigefinger gab er mir zu verstehen, genau an dieser Stelle stehenzubleiben. Er wirkte nicht unhöflich, aber ich fühlte mich dennoch völlig ausgeliefert. Ich verstand kein Wort portugiesisch und hatte keine Ahnung, mit wem er da telefoniert hatte und was jetzt mit mir passierte. Doch das Taxi kam schnell – und der Fahrer sprach sogar ein wenig Deutsch!
Zuerst brachte er mich zu einem Café, in dem sein Sohn arbeitete, der Englisch sprach. Der Sohn rief dann für mich bei Fernanda an, doch wie erwartet war kein Platz mehr frei. Mithilfe einer Übersetzungsapp auf seinem Handy handelten wir dann einen Fahrpreis bis nach Ponte de Lima aus.

Der Camino gibt dir, was du brauchst

Und so landete ich am Ende des Tages doch noch in Ponte de Lima, auch wenn ich ein paar Kilometer mit dem Taxi abgekürzt hatte. Aber es wäre schlichtweg unmöglich gewesen, an diesem Tag noch irgendwo in der Nähe eine Unterkunft zu finden. Dafür war es schon zu spät (etwa 18 Uhr), außerdem regnete es mittlerweile in Strömen.
Der nette Taxifahrer fuhr mich dann zur Jugendherberge am Ortseingang, wo ich ein Vierbettzimmer ganz für mich allein bekam (das war Glück, denn die meisten anderen Pilger kamen in der öffentlichen Herberge in der Ortsmitte unter).
Es fühlte sich sehr komisch an, auf einmal alleine in einem Zimmer zu sein. Nach der obligatorischen Dusche und der Handwäsche meiner Wanderklamotten machte ich mich auf den Weg in die Stadt, um etwas zu essen.


Ponte de Lima ist eine alte Stadt mit sehr schönem historischen Ortskern. Ich freute mich auf irgendetwas zu Essen und ein kühles Bier – und als ich um eine Ecke bog, traf ich doch tatsächlich die beiden Frauen aus dem Ruhrgebiet, mit denen ich in der Nacht zuvor das Zimmer geteilt hatte!
Und wenige Minuten später traf ich noch ein paar Pilger, mit denen ich in der Herberge in Rates zusammengesessen hatte. Wir umarmten einander lachend und gingen gemeinsam zuerst in ein Weinlokal, später portugiesisch essen.
Das ist der Camino: Jeder Tag steckt voller Überraschungen, man trifft ganz unerwartet auf neue und bekannte Menschen, schließt Freundschaften und verbringt eine tolle Zeit miteinander.
Und als ich den einsamsten Punkt meines Camino erlebte, weil ich alle mir bekannten Pilger noch hinter mir wähnte, erlebte ich ganz unerwartet einen lustigen Abend in einer großen Gruppe und konnte neue Pilgerfreundschaften schließen.
Es heißt nicht umsonst: Der Camino gibt dir, was du brauchst.

PS: Dieser Tag war am Ende der mit den meisten Höhenmetern: 700 Hm bergauf, 740 Hm bergab. Selbst die Etappe mit dem höchsten Punkt des gesamten Weges betrug nur 470 Hm bergauf und 280 Hm bergab.

Caminho Portugues Tag 3 – Von Rates nach Barcelos

Caminho Portugues Tag 5 – Von Ponte de Lima nach Rubiaes

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Caminho Portugues – Tag 3

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Von Rates nach Barcelos

Die Nacht im Elf-Bett-Zimmer war weniger schlimm als gedacht. Ich hatte mich ohnehin auf frühmorgendliches Rascheln eingestellt, das ab etwa sechs Uhr auch prompt einsetzte.
Drei italienische Senioren wechselten vom Schnarchen zum Flüstern, was mehr oder weniger das ganze Zimmer weckte – bis auf eine junge Deutsche, die völlig unbeeindruckt von Licht und Lärm in ihrem Bett lag und weiterschnarchte. Doch beherztes Rütteln ihres Weggefährten half, und langsam erhob auch sie sich – ächzend und stöhnend, wie fast alle im Zimmer.

Die paar Schmerzen …

Vor mir lag Tag drei, ich brauchte ewig, um meinen Rucksack zu packen (das Wichtigste nach oben. Nur: Was von den wenigen Sachen war so unwichtig, dass es ganz nach unten konnte? Und was musste unbedingt griffbereit sein?).
Meine rechte Hüfte tat etwas weh, der Rücken auch. Aber hey, ich war pilgern, ich hatte im Internet schlimme, offene Füße gesehen, da war das bisschen Hüftschmerz wirklich nichts. Viel wichtiger für mich war, dass die Halsschmerzen vom ersten Tag verschwunden waren (damit konnten auch die Halstabletten aus der Apotheke in Porto ganz nach unten gepackt werden).

Caminho Portugues, ein Feldweg kurz hinter Rates
Kurz hinter Rates

Die Herberge Sao Pedro de Rates ist wirklich eine besondere Herberge. Ich empfehle jedem, der richtige Pilgerluft schnuppern möchte, dort zu übernachten. Auch rückblickend war dieser Aufenthalt einer der schönsten, woran die liebenswürdigen Hospitaleros den größten Anteil hatten. Sie sind selbst Pilger und wissen einfach, was man nach einem anstrengenden Tag braucht.
Frühstück gab es in der Bar gegenüber, und nach einem reichlich belegten Käsebrötchen und einem guten Kaffee ging es dann weiter Richtung Norden. Das etwa 16 km entfernte Barcelos war mein Ziel.

Nach den Strapazen des Vortages und den gefühlt unendlichen Stunden auf Asphalt, Kopfsteinpflaster und an viel befahrenen Straßen waren die ersten Kilometer eine wahre Wohltat. Der Weg führte mich durch Felder, vorbei an kleinen portugiesischen Orten und das erste Mal in einen Eukalyptuswald, von denen ich schon so oft gelesen hatte.
Auf dieser Strecke wurden mir die Farben und Gerüche Portugals besonders bewusst. Die Wälder haben einen ganz eigenen Geruch, der sich so sehr von den deutschen Nadel- und Mischwäldern unterscheidet. Und die Gärten erst! Überall entlang des Weges standen Zitronen- und Orangenbäume, die einen wunderbaren, süßen Duft verströmten. Wie gerne hätte ich statt Bilder Gerüche aufgenommen!

Caminho Portugues - ein Garten mit Orangenbäumen
Orangenbaum-Garten

So toll ist es hier nun auch wieder nicht

Leider führte mich der Weg irgendwann wieder an einer Straße entlang, riesige Hinweisschilder wiesen die Autofahrer auf Pilger hin, was aber niemanden zu interessieren schien. Manchmal war es kaum möglich, die Straße zu überqueren. Außerdem waren die vorbeirasenden Autos laut und ich sehnte mich nach der Ruhe meiner deutschen Mittelgebirge. Irgendwie war das hier nichts für mich. Die Begeisterung der Pilger im Internet konnte ich jedenfalls nicht teilen. Ja, es war nett, es war definitiv ein Abenteuer, aber nichts, was ich dringend wiederholen müsste.
Meine Hüfte schmerzte stärker, meine Fußsohlen brannten, ich kam nur noch langsam voran. Der Vortag war definitiv zu viel gewesen. Zu viele Kilometer für den Anfang, zu viel Asphalt, den ich nicht gewöhnt war. Aber hatte ich eine Alternative gehabt? Nein.

Also Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Damit das Laufen etwas leichter wurde und ich mich ablenken konnte, stöpselte ich meine Kopfhörer ein und stellte ein Hörbuch an. Das machte es etwas erträglicher. Kurz vor Barcelos schlich ich an einem Feld vorbei, auf dem der Bauer gerade Gülle verteilte. Es stank erbärmlich, ich hielt mir ein Handtuch vor die Nase. Schnell weiter! Als ich um die Ecke bog, wendeten sowohl der Bauer als auch der Wind und spürte Spritzer auf meiner Haut. Igitt!
Ich eilte weiter, raus aus der Gefahrenzone, und wusch mich mit meinem Trinkwasser einigermaßen sauber. Diese Gülle-Attacke passte ja hervorragend zu diesem Tag!

Caminho Portugues - Kilometerstein, noch 199 km bis Santiago
Kilometerstein in Carvalhal

Wenige Minuten später erreichte ich den ersten Kilometerstein: Noch 199 km bis Santiago – etwa vierzig hatte ich also schon geschafft. Yeah!
Als ich dann aber zum wiederholten Male von fröhlich schnatternden Rentnern überholt wurde, war meine Motivation dahin. Wie sollte ich jemals in Santiago ankommen, wenn ich die langsamste und mauligste Pilgerin des Weges war?

Die langsamste Pilgerin des Weges

Außerdem bestand die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass mich einer der wahnsinnigen Autofahrer vorher umnietete und ich nirgends mehr hingehen würde. Ich wurde noch langsamer, falls das überhaupt möglich war. Meine Hüfte schmerzte, die Füße brannten. Der Rucksack wurde schwer. In Barcelinhos, kurz vor Barcelos, entdeckte ich zwei Pilgerherbergen am Weg. Doch als ich die fröhlichen Rentner darauf zuströmen sah, biss ich die Zähne zusammen. Ich wollte nicht den Rest des Tages mit meiner schlechten Kondition konfrontiert werden!
Also machte ich eine kurze Pause, lüftete meine Füße und starrte auf die blöden Autos. Es war laut, hektisch, nervig. Alles war ätzend. So eine bescheuerte Idee mit diesem doofen Jakobsweg!
Als ich dann auch noch anfing, mit meinem Rucksack zu sprechen (»komm, wir schaffen das!«), hielt ich mich für völlig irre. Die Hüfte tat so weh, dass jeder Schritt eine Qual war. Aber ich musste nur noch einen oder zwei Kilometer bis zur Herberge in Barcelos laufen, das würde ich irgendwie auch noch schaffen.

Caminho Portugues - Blick auf Barcelos
Blick auf Barcelos

Also humpelte ich durch das Städtchen, hasste die portugiesischen Autofahrer, die unbeschwerten Schüler in ihren Sneakers und mit kleinen Rucksäcken und biss die Zähne zusammen.
Für den Grafenpalast, der sämtliche Bilder von Barcelos schmückt, hatte ich keinen Blick. Und die bunten Hahn-Skulpturen, für die Barcelos berühmt ist, waren mir egal. Aber sowas von. Ich wollte einfach nur in die Herberge und meinen Körper hinlegen.

Say it in English, please

Hatte ich schon mal erwähnt, dass die Jakobsweg-Beschilderung in den Städten ein Problem ist? Hatte ich. Klar. Und Barcelos machte da keine Ausnahme. Ich fand weder Pfeile noch Muscheln, und die Beschreibung aus dem Reiseführer verstand ich nicht – zumal es auch noch zwei Wege durch die Stadt gibt.
Also wollte ich schlau sein und ging zu einer Kirche, um dort nach dem Weg zu fragen. Doch der schwarzgekleidete Kirchenmann, der draußen herumwerkelte, beachtete mich auch nach Ansprache nicht.
Ich war fertig. Körperlich wie mental. Die Sonnenbrille verhinderte, dass man mich schon von weitem heulen sah. Vor Wut, Enttäuschung und Schmerz konnte ich kaum noch sprechen, aber ich musste schließlich auch irgendwo hin. Ich konnte mich ja kaum mit meinem Schlafsack auf eine Parkbank legen. Also sprach ich einen jüngeren Mann auf Englisch an. Meiner Erfahrung nach sprachen zumindest die jüngeren Leute Englisch.
»Where is the next Pilgrims Hostel?«, fragte ich und erntete nur einen fragenden Blick.
»A Pilgrims Hostel. Albergue«, versuchte ich es (zur Erinnerung: Ich trug einen 38 Liter-Rucksack auf dem Rücken, Wanderschuhe an den Füßen, einen Sonnenhut sowie eine Sonnenbrille, unter der getrocknete Tränen klebten. Als aufmerksamer Mensch könnte man zumindest ahnen, was ich will).
»Say it in English, please«, erhielt ich zur Antwort und versuchte es erneut. Bis heute frage ich mich, ob mein Englisch soo schlecht ist?
Jedenfalls zeigte er mir mit Händen und Füßen einen Weg, der mich aus der Stadt herausführte. Ich wollte nicht mehr laufen. Keinen Meter. Aber er schien zu wissen, was er da tat. Außerdem verstand ich auf einmal auch den Text in meinem Reiseführer.

Caminho Portugues - Hahn in Barcelos
Einer der berühmten Hähne von Barcelos

Also ging ich, fand überraschenderweise auch meine gelben Pfeile wieder und folgte ihnen. Doch irgendwann wurde es komisch. Das hier war keine Innenstadt mehr. Der Weg führte aus der Stadt heraus und keineswegs zu irgendeiner Herberge. Also ging ich zu einem Supermarkt und fragte dort. Eine nette Frau nahm mich dann bei der Hand, führte mich um den Supermarkt herum und schickt mich wieder zurück in die Stadt.
Mittlerweile war mir alles egal. Meine Wanderstöcke hielt ich weit von mir gestreckt in der Hoffnung, die Autofahrer damit abzuschrecken. Nix da. Die rasten trotzdem an mir vorbei, egal, wie eng es war. Ich humpelte mit schmerzender Hüfte weiter, heulte und war mir ziemlich sicher, dass der nächste Autofahrer meine Stöcke in der Windschutzscheibe stecken haben würde.

Endlich hat der Tag ein Ende

Dann sah ich das Hinweisschild zur Herberge. Halleluja!
Mit letzter Kraft schlich ich dorthin – und stand vor verschlossener Tür. Auf mein Klingeln reagierte niemand. Wütend und enttäuscht trat ich gegen die Mauer und beschloss, das erstbeste Hotel aufzusuchen. Egal, was es kostete. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte auch nicht mehr. Doch dann vernahm ich ein Rufen aus einer Wohnung weiter vorn, und eine ältere Frau gestikulierte mir, ich solle in die Bar nebenan gehen.
Und da bekam ich dann den Schlüssel für die Herberge. Endlich! Ich war da!

Caminho Portugues - Innenhof der Auberge in Barcelos
Innenhof der Albergue Cidade de Barcelos

Unten am Empfang trug ich mich ins Gästebuch ein – und was sah ich da? Birgit war auch da! Und die drei Pfälzerinnen vom ersten Abend auf dem Campingplatz! Außerdem noch zwei andere Frauen aus dem Ruhrgebiet. Alle deutschen Frauen, die ich bisher kennengelernt hatte, waren hier!
So hatte dieser furchtbare Tag noch eine schöne Wendung genommen. Wir gingen zusammen essen (natürlich Pilgermenü), tranken ein Superbock, tauschten uns über den Weg aus und schliefen allesamt um 21 Uhr in unseren Stockbetten.
Doch kurz vor dem Einschlafen fragte ich mich, wie ich es jemals bis zur spanischen Grenze schaffen sollte – von Santiago ganz zu schweigen.

Caminho Portugues Tag 2 – Von Angeiras nach Rates

Caminho Portugues Tag 4 – Von Barcelos nach Ponte de Lima

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Zeit? Was ist das nochmal?

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Foto: Valentin Bachem – http://www.vbachem.de
„CC-BY-SA 2.0“ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/ …

Jakobsweg

Ich weiß, dass viele von euch auf die Fortsetzung meiner Jakobsweg-Beiträge warten. Wenn ich ehrlich bin: ich auch!

Aktuell fehlt mir allerdings etwas, von dem ich auf dem Caminho Portugues ausreichend hatte, nämlich Zeit.

Der neue Siegerland-Krimi liegt in den letzten Zügen; die Überarbeitung nimmt einige Zeit in Anspruch. Es soll ja immerhin ein guter Start für Nike Klafeld werden!

11 Schritte ins Glück

Vergangene Woche hatte ich einen tollen Vortrag in Hilchenbach in der Buchhandlung Bücher buy Eva. Dort habe ich meinen Nachhaltigkeits-Ratgeber „11 Schritte ins Glück – Zero Waste, plastikfrei und Minimalismus für Einsteiger“ vorgestellt und eine sehr interessierte und diskussionsfreudige Runde erlebt.

Sarah Engelhard von der Westfalenpost war auch dabei und hat einen schönen Artikel über den Abend geschrieben:

11 Schritte ins Glück mit Autorin Melanie Lahmer

Literaturcamp Heidelberg

Zwei Tage später war ich in Heidelberg beim Literaturcamp, mittlerweile eine feste Institution in meiner Jahresplanung.

Dort habe ich ebenfalls eine Session zum Thema Nachhaltigkeit angeboten und hatte wieder viel Spaß und neue Erkenntnisse und konnte weitere Ideen mit nach Hause nehmen. Was uns allen von diesem Wochenende wohl am meisten in Erinnerungen bleiben wird: die Hitze. Am Sonntag hatten wir 38 Grad in Heidelberg, was leider auch Zugausfälle und Rückreisestress mit sich führte.

Wenn ich Zeit finde, schreibe ich noch einen ausführlicheren Bericht über das #LitCamp19, aber da möchte ich nicht zu viel versprechen.

Siegerland-Krimi

An erster Stelle steht jetzt erstmal der Siegerland-Krimi, die ersten Lesungen sind geplant, die Testleserinnen und Lektorinnen scharren mit den Hufen und ich hoffe, dass ich mein geplantes Pensum auch schaffe.

Dann geht es auch mit meinen Berichten über den Jakobsweg weiter!

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