Caminho Portugues – Tag 13

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Kap Finisterre

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Startbild

Ich verließ die Herberge in Santiago früh, da mir der Weg zum Busbahnhof sehr weit erschien und ich es hasse, zum Bus rennen zu müssen.
Ein wenig desorientiert stand ich kurz darauf bei Nieselregen neben einem Brunnen und starrte auf meine Karte. Ein Mann kam auf mich zu und fragte auf Deutsch, ob er mir helfen könne. »Ich suche den Weg zum Busbahnhof.«
»Alles klar«, antwortete er. »Ich bringe dich hin.« Ich muss wohl ziemlich irritiert geschaut haben, denn er lachte. »Ich bin vorgestern vom Francés gekommen. Da brauche ich sowieso noch Bewegung, sonst bekomme ich muskuläre Probleme. Außerdem möchte ich etwas von dem zurückgeben, das mir der Weg geschenkt hat.«
Freudig nahm ich sein Angebot an. Er brachte mich bis zum Bahnhof und zeigte mir sogar, an welchem Schalter ich mein Ticket bekomme. Wir verabschiedeten uns und er wünschte mir noch eine gute Zeit in Fisterra. Er selbst war schon mehrmals da, weil er regelmäßig den Camino geht.
»Aber meine Freunde halten mich deswegen für verrückt. Dabei müssten sie es nur einmal selbst probieren, dann wüssten sie, warum ich immer wieder gehe.«
Diese Szene zeigt sehr schön, was den Camino so besonders macht – und warum man ihn immer wieder gehen möchte.

Fisterra, das Fischerdorf am Ende der Welt

Fisterra ist ein kleines Fischerdorf auf einer Landzunge im äußersten Westen Spaniens. Die Busfahrt ans Ende der Welt (Fis = Ende, Terra = Erde) war atemberaubend. Von den drei Stunden führten fast zwei an der Atlantikküste entlang. Die Costa de Morte ist unfassbar schön: Berge treffen auf das Meer, es gibt weiße Sandstrände und raue Wellen. Trotzdem ist die Gegend nicht touristisch. Wahrscheinlich interessieren sich die meisten Menschen für Spaniens Südküste und wissen gar nicht, wie toll der Norden ist.
Kaum hielt der Bus in Fisterra, kam eine Frau auf mich zu und fragte, ob ich ein Bett bräuchte. Klar! Ich wusste aus Erzählungen, dass das passieren wird und war froh, mir keine Unterkunft suchen zu müssen. Das würde definitiv meine letzte Nacht in einer Pilgerherberge mit Stockbetten sein, deshalb war ich nicht wählerisch. Am nächsten Tag würde ich die lange Busfahrt bis nach Porto auf mich nehmen, um von dort wieder nach Hause zu fliegen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - der Hafen von Fisterra
Der Hafen von Fisterra

Fisterra empfing uns mit Regenwetter. Trotzdem trank ich am Hafen erstmal einen Kaffee, um nicht nur physisch, sondern auch psychisch anzukommen. In einem Supermarkt holte ich mir Proviant und machte mich auf den Weg zum Kap Finisterre mit dem Leuchtturm. Viele Pilger gehen von Santiago bis Fisterra zu Fuß, so auch Stefan, dem ich letztlich meine Compostela zu verdanken haben. Der Weg ist knapp neunzig Kilometer lang und dauert ca. drei Tage. Es gibt sogar eine eigene Pilgerurkunde extra für den Camino a Fisterra, die Fisterrana.
Unterwegs überholten mich immer wieder voll besetzte Touristenbusse und ich fragte mich, ob Nadine, Silvie und Laura wirklich eine Rundfahrt gebucht oder doch eine andere Möglichkeit gefunden hatten. Oder ob sie überhaupt noch hierher kommen wollten.

Sich selbst und den Camino feiern

Doch so schön Kap Finisterre mit seinen Felsen und dem schäumenden Meer auch für Besucher ist: Der Ort wirkt erst wirklich mystisch, wenn man den Camino gegangen ist.
An dem berühmten 0,00 km-Stein musste ich übrigens für das Foto anstehen. Einige der Bustouristen ließen sich – warum auch immer – mit dem Stein ablichten.
Hinter dem Stein steht der Leuchtturm, dahinter noch ein Kreuz, und dann kommt nur noch das weite Meer.
Ich suchte mir einen ruhiges Eckchen auf den Felsen, holte Brot, Käse, Schinken und Wein hervor und feierte mich und meinen Camino. Der Wind wehte stark, die Wellen schlugen gegen die Felsen, Gischt sprang empor und ich konnte kaum glauben, wie schön die Welt ist. Dieser Planet, unser aller Zuhause. Und wir Menschen mittendrin, die wir uns trotz unserer Winzigkeit so wichtig finden. Aber für die Erde sind wir verzichtbar.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - der Null-Kilometer-Stein
Am berühmten 0,00 km-Stein

Wir Individuen sind wichtig für andere Menschen, auch wenn wir es nicht immer spüren. Alle meine Wegbegleiter waren bedeutsam für mich gewesen. Die einen mehr, die anderen weniger. Selbst ein simples »Bon Camino«, ein kleines »Bom Dia«, ein »Obrigada« oder ein »Dias« war ein schönes Zeichen und tat gut. Jedes Lächeln, jedes freundliche Wort und jedes Gespräch hatte eine Bedeutung und machte den Weg leichter und schöner.
Und ich bin mir sicher, dass auch ich für andere Pilger wichtig war. Viele kannten vielleicht nicht einmal meinen Namen, so wie ich nicht von allen den Namen kennen. Kaum jemand wusste von meinem Beruf, aber auch ich weiß nicht, womit die anderen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich hatte so viele glückliche und gute Momente auf dem Weg und empfinde es als Glück, überhaupt gehen zu können. Den Weg gehen zu können. Mit nur wenig Ballast außer meinem Rucksack.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Pilgerstatue
Pilgerstatue auf dem Weg zum Leuchtturm

Für viele Menschen ist der Jakobsweg ein lang gehegter Wunsch, und für viele wird es auch ein Wunsch bleiben, weil sie ihn aus verschiedenen Gründen nicht realisieren können. Andere hingegen erhoffen sich auf dem Weg Hilfe. Hilfe bei der Trauerbewältigung, Hilfe in Umbruchphasen, Hilfe, wenn Orientierung fehlt.
Man sagt oft, der Camino gibt dir, was du brauchst. Und wer offen für neue Begegnungen, neue Gedanken und neue Blickwinkel ist, wird reich beschenkt werden.

Der Weg ist zu Ende

Zweieinhalb Stunden verbrachte ich am tosenden Atlantik, ließ mir den Kopf und die Gedanken freipusten, dann ging ich die drei Kilometer zurück ins Dorf.
Santiago war das Ziel meines Jakobsweges gewesen, aber erst am Kap Finisterre habe ich ihn beendet.
Plötzlich vermisste ich meine Familie, wollte meinen Mann und meine Kinder in die Arme schließen, sie sehen, mit ihnen reden, mich vergewissern, dass es ihnen gut geht. Eine gut bekannte Unruhe erfasste mich und da wusste ich: Ich habe meinen Weg abgeschlossen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Steinkreuz, dahinter der Ozean
Steinkreuz am Kap Finisterre

In meinem Schlafsaal nächtigten witzigerweise die drei Italiener aus Rates, die damals so früh das gesamte Zimmer weckten. Es gab in den ganzen zwei Wochen nicht einen einzigen Tag, an dem ich nicht jemand Bekanntes traf.
Für den nächsten Tag war Starkregen angesagt, und entgegen meinem Plan frühstückte ich doch nicht am Hafen, sondern wollte mit dem ersten Bus nach Santiago fahren.
Die Überraschung erwartete mich an der Bushaltestelle. Hier standen gut hundert Pilger und wollten zurück nach Santiago! Der Bus war natürlich sofort voll. Ein zweiter Bus wurde angefordert. Auch der war in kürzester Zeit voll. Da ich noch Zeit hatte, wartete ich auf den dritten Bus. Dieser fuhr den langen Weg an der Costa da Morte vorbei und war nicht so voll wie die anderen beiden. So konnte ich aus dem Fenster schauen und die Landschaft genießen, die ich so schnell nicht wieder sehen würde.

Zurück in Santiago de Compostela

In Santiago hatte ich vier Stunden Aufenthalt, bevor mein Fernbus nach Porto fuhr. Für mich war klar, dass ich die Zeit in der Stadt und an der Kathedrale überbrücken würde. Selbst bei Regen.
Doch diesmal wollte der Funke nicht überspringen. Ich sah die neu ankommenden Pilger, ich sah die Kniefälle, die Tränen, die Freude, die Umarmungen und die in die Höhe gereckten Arme, Rucksäcke und Fahrräder. Ich hörte die Musik des Dudelsacks und ging durch die Straßen, vorbei an den vielen Menschen.
Doch es berührte mich nicht. Ich hatte meinen Weg am Kap Finisterre beendet.
Das hier war nicht mehr meine Zeit. Heute waren andere Pilger dran. Ich setzte mich vor eine Bar, trank einen letzten Café Con Leche und aß einen Burger und beobachtete die Pilger, die durch die Stadt zogen. Es gibt viele Wege nach Santiago de Compostela, und jeder Weg führt aus einer anderen Gasse auf den Platz vor der Kathedrale. Man kann daran ziemlich leicht erkennen, welchen Camino die Menschen gegangen sind. Die Pilger, die an dieser Stelle die Stadt erreichen, kamen vom Camino Francés, dem berühmtesten aller Jakobswege. Auch ich möchte irgendwann einmal auf diesem Weg Santiago erreichen.
Doch fürs Erste hatte ich genug. Obwohl ich noch ausreichend Zeit hatte, ging ich zurück zum Busbahnhof. Ich wartete lieber zwei Stunden in der Wartehalle, als mich diesen vielen Menschen in der Stadt auszusetzen.
Am Abend fuhr ich dann mit dem Bus nach Porto. Vier Stunden lang konnte ich Teile der Strecke noch einmal Revue passieren lassen. Ich fuhr durch Städte, die ich zu Fuß durchschritten hatte, ich fuhr an Bergen vorbei, durch die ich mich durchgekämpft hatte. Und dann war ich wieder in Porto, wo alles angefangen hatte.
Es fühlte sich gut an.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - weißer Sandstrand mit Felsen
Praia de Langostera

Früh am nächsten Morgen ging mein Flieger. Am Flughafen traf ich ein letztes Mal auf Annette mit der verkehrten Zeit und auf Clemens. Wir saßen im selben Flieger, aber nicht nebeneinander. Kurz nach der Landung in Köln umarmten wir einander noch einmal, bis jeder seiner Wege ging.
Ich holte meinen Rucksack, verließ die Halle und schloss meine Familie in die Arme.

Wieder zu Hause

Die Anpassung nach der Rückkehr war nicht ganz einfach. In den ersten Tagen hielt ich es drinnen nicht aus und arbeitete draußen. Die Stadt war mir zu eng, mir fehlte der Blick in die Weite, auf das Ziel, das ich am Ende des Tages erreichen wollte.
Als ich die ersten beiden Blogbeiträge schrieb, brauchte ich eine Pause vom Weg. Ich sehnte mich nach diesem einfachen Leben, dem minimalistischen Gepäck, den geringen Bedürfnissen und gleichzeitig dem Trott des Pilgeralltags: morgens aufwachen, den Rucksack packen, kurz ins Bad huschen und losziehen. Laufen, die Welt an sich vorüberziehen lassen, essen, wenn man hungrig ist und trinken, wenn man durstig ist. Einfach alles hinnehmen, wie es ist und das Beste draus machen. Und einen Schritt nach dem anderen gehen.

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Felsen und tosende Atlantikküste
Blick auf den Leuchtturm von Kap Fisterra

Ich habe viel gelernt auf dem Weg. Das Wichtigste ist wahrscheinlich die Erkenntnis, dass der Jakobsweg das Leben im Kleinen widerspiegelt. Man trifft auf Menschen, die einem von Anfang an zu Herzen gehen und auf Menschen, die einem unsympathisch sind. Manche Menschen begleiten einen für eine sehr lange Zeit, andere bleiben nur kurz. Doch die Zeit, die man miteinander verbringt, sagt nichts über die Beziehung aus.
Man hat Phasen, in denen man glaubt, es ginge nicht weiter. Phasen voller Schmerz, Trauer und Wut. Und man hat Zeiten, in denen läuft es wie geschmiert, alles ist gut, man fühlt sich wie vom Glück geküsst. In dieser komprimierten Form weiß man, dass es immer weitergeht, auch wenn man nicht daran glaubt. Man weiß, dass man es schafft. Nicht immer einfach, nicht immer sofort, aber man schafft auch die schrecklichen Phasen. Und man erlebt auch, dass man Menschen, die man aus den Augen verloren hat, plötzlich wiedertrifft. Und dass es gut ist, wie es ist.
Es erfüllt mich mit Stolz, den Jakobsweg gegangen zu sein. Ich bin ihn gegangen und ich habe ihn geschafft. Auf all meinen bisherigen Lebensstationen konnte ich nie sicher sagen, wie groß mein eigener Anteil am Gelingen war.
Wie oft hat man einfach Glück, ist zur rechten Zeit am rechten Ort, hat Gönner, Förderer, Neider oder Menschen, die einen bevorzugen oder benachteiligen. Doch auf dem Camino geht es nicht um einen guten Tag oder einen lichten Moment, sondern um das, was ich ganz alleine geschafft habe.
Auch wenn man viel Unterstützung hatte – sei es nun mental oder durch Gepäcktransport – so ist man den Weg doch selbst gegangen. Man hat etwas geleistet, von dem viele andere Menschen träumen und etwas, das sich viele nicht trauen. Wer den Camino plant, hat eigentlich schon gewonnen.

Der Jakobsweg macht süchtig

Wenn ihr also darüber nachdenkt, dann macht es. Denkt es nicht nur, wünscht es euch nicht nur, sondern macht es. Wartet nicht auf Zeiten, die vermeintlich besser sind. Wer weiß schon, ob die jemals kommen werden. Oder ob es nicht vielleicht doch irgendwann zu spät für den Camino ist.
Aber vergesst nicht: Das Camino-Fieber ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen!
:)

Caminho Portugues - Kap Fisterra - Felsen mit Brandung
Und vor uns das Meer

Ich hoffe, euch hat mein Rückblick auf den Caminho Portugues gefallen. Manches ist vielleicht für Außenstehende nur mäßig interessant, dafür steigert es bei anderen die Vorfreude oder lässt den eigenen Weg noch einmal Revue passieren.
Und ich trage im Hinterkopf den Gedanken, das Ganze noch einmal in eine neue Form zu bringen und als Buch zu veröffentlichen. Aber erstmal sind jetzt andere Themen dran.

Caminho Portugues Tag 12 – Von Faramello nach Santiago de Compostela

Caminho Portugues Tag 1 – Von Porto nach Angeiras

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