Caminho Portugues – Tag 3

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Von Rates nach Barcelos

Die Nacht im Elf-Bett-Zimmer war weniger schlimm als gedacht. Ich hatte mich ohnehin auf frühmorgendliches Rascheln eingestellt, das ab etwa sechs Uhr auch prompt einsetzte.
Drei italienische Senioren wechselten vom Schnarchen zum Flüstern, was mehr oder weniger das ganze Zimmer weckte – bis auf eine junge Deutsche, die völlig unbeeindruckt von Licht und Lärm in ihrem Bett lag und weiterschnarchte. Doch beherztes Rütteln ihres Weggefährten half, und langsam erhob auch sie sich – ächzend und stöhnend, wie fast alle im Zimmer.

Die paar Schmerzen …

Vor mir lag Tag drei, ich brauchte ewig, um meinen Rucksack zu packen (das Wichtigste nach oben. Nur: Was von den wenigen Sachen war so unwichtig, dass es ganz nach unten konnte? Und was musste unbedingt griffbereit sein?).
Meine rechte Hüfte tat etwas weh, der Rücken auch. Aber hey, ich war pilgern, ich hatte im Internet schlimme, offene Füße gesehen, da war das bisschen Hüftschmerz wirklich nichts. Viel wichtiger für mich war, dass die Halsschmerzen vom ersten Tag verschwunden waren (damit konnten auch die Halstabletten aus der Apotheke in Porto ganz nach unten gepackt werden).

Caminho Portugues, ein Feldweg kurz hinter Rates
Kurz hinter Rates

Die Herberge Sao Pedro de Rates ist wirklich eine besondere Herberge. Ich empfehle jedem, der richtige Pilgerluft schnuppern möchte, dort zu übernachten. Auch rückblickend war dieser Aufenthalt einer der schönsten, woran die liebenswürdigen Hospitaleros den größten Anteil hatten. Sie sind selbst Pilger und wissen einfach, was man nach einem anstrengenden Tag braucht.
Frühstück gab es in der Bar gegenüber, und nach einem reichlich belegten Käsebrötchen und einem guten Kaffee ging es dann weiter Richtung Norden. Das etwa 16 km entfernte Barcelos war mein Ziel.

Nach den Strapazen des Vortages und den gefühlt unendlichen Stunden auf Asphalt, Kopfsteinpflaster und an viel befahrenen Straßen waren die ersten Kilometer eine wahre Wohltat. Der Weg führte mich durch Felder, vorbei an kleinen portugiesischen Orten und das erste Mal in einen Eukalyptuswald, von denen ich schon so oft gelesen hatte.
Auf dieser Strecke wurden mir die Farben und Gerüche Portugals besonders bewusst. Die Wälder haben einen ganz eigenen Geruch, der sich so sehr von den deutschen Nadel- und Mischwäldern unterscheidet. Und die Gärten erst! Überall entlang des Weges standen Zitronen- und Orangenbäume, die einen wunderbaren, süßen Duft verströmten. Wie gerne hätte ich statt Bilder Gerüche aufgenommen!

Caminho Portugues - ein Garten mit Orangenbäumen
Orangenbaum-Garten

So toll ist es hier nun auch wieder nicht

Leider führte mich der Weg irgendwann wieder an einer Straße entlang, riesige Hinweisschilder wiesen die Autofahrer auf Pilger hin, was aber niemanden zu interessieren schien. Manchmal war es kaum möglich, die Straße zu überqueren. Außerdem waren die vorbeirasenden Autos laut und ich sehnte mich nach der Ruhe meiner deutschen Mittelgebirge. Irgendwie war das hier nichts für mich. Die Begeisterung der Pilger im Internet konnte ich jedenfalls nicht teilen. Ja, es war nett, es war definitiv ein Abenteuer, aber nichts, was ich dringend wiederholen müsste.
Meine Hüfte schmerzte stärker, meine Fußsohlen brannten, ich kam nur noch langsam voran. Der Vortag war definitiv zu viel gewesen. Zu viele Kilometer für den Anfang, zu viel Asphalt, den ich nicht gewöhnt war. Aber hatte ich eine Alternative gehabt? Nein.

Also Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Damit das Laufen etwas leichter wurde und ich mich ablenken konnte, stöpselte ich meine Kopfhörer ein und stellte ein Hörbuch an. Das machte es etwas erträglicher. Kurz vor Barcelos schlich ich an einem Feld vorbei, auf dem der Bauer gerade Gülle verteilte. Es stank erbärmlich, ich hielt mir ein Handtuch vor die Nase. Schnell weiter! Als ich um die Ecke bog, wendeten sowohl der Bauer als auch der Wind und spürte Spritzer auf meiner Haut. Igitt!
Ich eilte weiter, raus aus der Gefahrenzone, und wusch mich mit meinem Trinkwasser einigermaßen sauber. Diese Gülle-Attacke passte ja hervorragend zu diesem Tag!

Caminho Portugues - Kilometerstein, noch 199 km bis Santiago
Kilometerstein in Carvalhal

Wenige Minuten später erreichte ich den ersten Kilometerstein: Noch 199 km bis Santiago – etwa vierzig hatte ich also schon geschafft. Yeah!
Als ich dann aber zum wiederholten Male von fröhlich schnatternden Rentnern überholt wurde, war meine Motivation dahin. Wie sollte ich jemals in Santiago ankommen, wenn ich die langsamste und mauligste Pilgerin des Weges war?

Die langsamste Pilgerin des Weges

Außerdem bestand die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass mich einer der wahnsinnigen Autofahrer vorher umnietete und ich nirgends mehr hingehen würde. Ich wurde noch langsamer, falls das überhaupt möglich war. Meine Hüfte schmerzte, die Füße brannten. Der Rucksack wurde schwer. In Barcelinhos, kurz vor Barcelos, entdeckte ich zwei Pilgerherbergen am Weg. Doch als ich die fröhlichen Rentner darauf zuströmen sah, biss ich die Zähne zusammen. Ich wollte nicht den Rest des Tages mit meiner schlechten Kondition konfrontiert werden!
Also machte ich eine kurze Pause, lüftete meine Füße und starrte auf die blöden Autos. Es war laut, hektisch, nervig. Alles war ätzend. So eine bescheuerte Idee mit diesem doofen Jakobsweg!
Als ich dann auch noch anfing, mit meinem Rucksack zu sprechen (»komm, wir schaffen das!«), hielt ich mich für völlig irre. Die Hüfte tat so weh, dass jeder Schritt eine Qual war. Aber ich musste nur noch einen oder zwei Kilometer bis zur Herberge in Barcelos laufen, das würde ich irgendwie auch noch schaffen.

Caminho Portugues - Blick auf Barcelos
Blick auf Barcelos

Also humpelte ich durch das Städtchen, hasste die portugiesischen Autofahrer, die unbeschwerten Schüler in ihren Sneakers und mit kleinen Rucksäcken und biss die Zähne zusammen.
Für den Grafenpalast, der sämtliche Bilder von Barcelos schmückt, hatte ich keinen Blick. Und die bunten Hahn-Skulpturen, für die Barcelos berühmt ist, waren mir egal. Aber sowas von. Ich wollte einfach nur in die Herberge und meinen Körper hinlegen.

Say it in English, please

Hatte ich schon mal erwähnt, dass die Jakobsweg-Beschilderung in den Städten ein Problem ist? Hatte ich. Klar. Und Barcelos machte da keine Ausnahme. Ich fand weder Pfeile noch Muscheln, und die Beschreibung aus dem Reiseführer verstand ich nicht – zumal es auch noch zwei Wege durch die Stadt gibt.
Also wollte ich schlau sein und ging zu einer Kirche, um dort nach dem Weg zu fragen. Doch der schwarzgekleidete Kirchenmann, der draußen herumwerkelte, beachtete mich auch nach Ansprache nicht.
Ich war fertig. Körperlich wie mental. Die Sonnenbrille verhinderte, dass man mich schon von weitem heulen sah. Vor Wut, Enttäuschung und Schmerz konnte ich kaum noch sprechen, aber ich musste schließlich auch irgendwo hin. Ich konnte mich ja kaum mit meinem Schlafsack auf eine Parkbank legen. Also sprach ich einen jüngeren Mann auf Englisch an. Meiner Erfahrung nach sprachen zumindest die jüngeren Leute Englisch.
»Where is the next Pilgrims Hostel?«, fragte ich und erntete nur einen fragenden Blick.
»A Pilgrims Hostel. Albergue«, versuchte ich es (zur Erinnerung: Ich trug einen 38 Liter-Rucksack auf dem Rücken, Wanderschuhe an den Füßen, einen Sonnenhut sowie eine Sonnenbrille, unter der getrocknete Tränen klebten. Als aufmerksamer Mensch könnte man zumindest ahnen, was ich will).
»Say it in English, please«, erhielt ich zur Antwort und versuchte es erneut. Bis heute frage ich mich, ob mein Englisch soo schlecht ist?
Jedenfalls zeigte er mir mit Händen und Füßen einen Weg, der mich aus der Stadt herausführte. Ich wollte nicht mehr laufen. Keinen Meter. Aber er schien zu wissen, was er da tat. Außerdem verstand ich auf einmal auch den Text in meinem Reiseführer.

Caminho Portugues - Hahn in Barcelos
Einer der berühmten Hähne von Barcelos

Also ging ich, fand überraschenderweise auch meine gelben Pfeile wieder und folgte ihnen. Doch irgendwann wurde es komisch. Das hier war keine Innenstadt mehr. Der Weg führte aus der Stadt heraus und keineswegs zu irgendeiner Herberge. Also ging ich zu einem Supermarkt und fragte dort. Eine nette Frau nahm mich dann bei der Hand, führte mich um den Supermarkt herum und schickt mich wieder zurück in die Stadt.
Mittlerweile war mir alles egal. Meine Wanderstöcke hielt ich weit von mir gestreckt in der Hoffnung, die Autofahrer damit abzuschrecken. Nix da. Die rasten trotzdem an mir vorbei, egal, wie eng es war. Ich humpelte mit schmerzender Hüfte weiter, heulte und war mir ziemlich sicher, dass der nächste Autofahrer meine Stöcke in der Windschutzscheibe stecken haben würde.

Endlich hat der Tag ein Ende

Dann sah ich das Hinweisschild zur Herberge. Halleluja!
Mit letzter Kraft schlich ich dorthin – und stand vor verschlossener Tür. Auf mein Klingeln reagierte niemand. Wütend und enttäuscht trat ich gegen die Mauer und beschloss, das erstbeste Hotel aufzusuchen. Egal, was es kostete. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte auch nicht mehr. Doch dann vernahm ich ein Rufen aus einer Wohnung weiter vorn, und eine ältere Frau gestikulierte mir, ich solle in die Bar nebenan gehen.
Und da bekam ich dann den Schlüssel für die Herberge. Endlich! Ich war da!

Caminho Portugues - Innenhof der Auberge in Barcelos
Innenhof der Albergue Cidade de Barcelos

Unten am Empfang trug ich mich ins Gästebuch ein – und was sah ich da? Birgit war auch da! Und die drei Pfälzerinnen vom ersten Abend auf dem Campingplatz! Außerdem noch zwei andere Frauen aus dem Ruhrgebiet. Alle deutschen Frauen, die ich bisher kennengelernt hatte, waren hier!
So hatte dieser furchtbare Tag noch eine schöne Wendung genommen. Wir gingen zusammen essen (natürlich Pilgermenü), tranken ein Superbock, tauschten uns über den Weg aus und schliefen allesamt um 21 Uhr in unseren Stockbetten.
Doch kurz vor dem Einschlafen fragte ich mich, wie ich es jemals bis zur spanischen Grenze schaffen sollte – von Santiago ganz zu schweigen.

Caminho Portugues Tag 2 – Von Angeiras nach Rates

Caminho Portugues Tag 4 – Von Barcelos nach Ponte de Lima

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