Caminho Portugues – Tag 9

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Von Arcade nach A Portela

Caminho Portugues Tag 9 - Startbild

Nur noch 80 km bis nach Santiago, also etwa vier Tage.
Den größten Teil meines Jakobsweges habe ich also schon hinter mir und ich kann es immer noch nicht glauben!
Da Portugal in einer anderen Zeitzone liegt, lief ich dort morgens immer im Hellen los. In Galicien dagegen dämmert es um sieben Uhr noch, und auch den neunten Tag startete ich im Halbdunkel.
Die Dämmerung hüllte die Welt in ein besonderes Licht, alles wirkte ein wenig unwirklich, mir begegneten kaum Menschen. Das Krähen der Hähne und das Bellen der Hunde begleitete mich durch das hübsche Städtchen. Arcade liegt sehr idyllisch zwischen der Bucht von Vigo und den Ausläufern des Kantabrischen Gebirges, ist aber nicht touristisch erschlossen und damit noch sehr ursprünglich.

Caminho Portugues Tag 9 - Die Brücke von Arcade
Arcade früh am Morgen

Diese ersten Stunden des Tages genoss ich sehr, zumal die angekündigte Hitze noch auf sich warten ließ. Ich lief mehrere Kilometer durch eine Flussaue, lauschte den Fröschen beim Morgenkonzert und beobachtete, wie der Nebel sich langsam verzog. Für mich waren diese frühen Stunden immer die schönsten.

Hunger

Leider hatte das in meinem Wanderführer angekündigte Café um diese Uhrzeit noch geschlossen. Meinen Babybrei mochte ich nicht mit dem wenigen Wasser anrühren, die Nüsse als Zwischensnack waren leer und Obst hatte ich keines gekauft.
Nach zwei Stunden wurde der Hunger sehr unangenehm, und ich hätte wirklich gern einen Kaffee gehabt. Der nächstgrößere Ort war das mehrere Kilometer entfernte Pontevedra. Eine mittelgroße Stadt mit historischem Ortskern und guter Pilger-Infrastruktur.

Caminho Portugues Tag 9 - gelber Pfeil in der Flussaue
Achtung, nicht stoßen!

Ich lief und lief, aber die Stadt kam nicht näher. Ein weiterer Complementario, also ein Nebenweg, lockte mich weg von der Straße in eine Flussaue. Von hinten überholten mich Pilger, von vorne kamen mir Jogger entgegen. Inzwischen war mir schwindelig und ich versuchte, durch Wassertrinken in Schwung zu bleiben. Was sollte ich auch anderes tun?
Obwohl ich mich mittlerweile in der Vorstadt befand, gab es weit und breit keine Möglichkeit, etwas zu essen zu kaufen. Der Weg entlang des Flusses war schön, aber dafür hatte ich keinen Blick mehr. Ich war schlapp und merkte, dass mein Kreislauf rebellierte. Bitte keinen Schwächeanfall fernab der Straße!
Endlich erreichte ich Pontevedra. Mittlerweile war es später Vormittag und ich war schon drei Stunden unterwegs, ohne etwas gegessen zu haben. Der Jakobsweg führt mitten durch die Stadt, gleich am Ortseingang fand ich eine Herberge mit einer Bar zum Frühstücken.
Puh!
Ich bestellte mir einen großen Café con leche, eine Tortilla und einen frischgepressten Orangensaft. Für dieses Frühstück musste ich zwölf Kilometer laufen!
Ich zog Schuhe und Strümpfe aus und beobachtete die vorbeiziehenden Pilger. Zu meiner großen Freude kamen auch Nino und Melissa vorbei, die ich schon längst weiter vorn vermutet hatte. Sie setzten sich zu mir und wir verquatschten uns eine ganze Weile, was für mich eher untypisch war. Meine Pausen waren eigentlich immer ziemlich kurz, mir machte das Gehen mehr Spaß als das Sitzen.

Pontevedra

Da ich schon am Ortseingang eine längere Pause eingelegt hatte, hatte ich nur wenig Muße für die schöne Stadt. Mich zog es weiter, wieder raus in die Natur. Aber auch die etwas heikle Herbergssituation hat ihren Anteil an meiner Eile.
Die von mir angepeilte Herberge in A Portela hat nämlich nur sechzehn Betten und ist entsprechend schnell belegt. Zum Glück kann man nicht reservieren, sonst wäre sie vermutlich immer schon Tage im Voraus ausgebucht – so wie die Herberge von Fernanda in Portugal.

Caminho Portugues Tag 9 - Landschaft mit Bergen
Irgendwo hinter Pontevedra

Mittlerweile war es wirklich heiß geworden, wieder knapp dreißig Grad. Diese Hitze schlaucht natürlich, außerdem musste ich mal wieder einen Berg überwinden. Bei der Planung des Weges war mir nicht bewusst gewesen, wie bergig der gesamte Caminho Portugues doch ist.
Mir begegneten nur wenige Pilger und ich konnte mich ganz auf mich und den Weg konzentrieren. Ich lief und lief und lenkte mich durch das Hören eines Hörbuchs von der Anstrengung ab (Die Känguru-Chroniken – die beste Ablenkung ever!).

A Portela

Völlig verschwitzt und total im Eimer erreichte ich die Herberge in A Portela. Sie liegt idyllisch abseits des Weges auf einem großen Grundstück hinter einem Kloster. Einzelne Pilger saßen frisch geduscht im Garten und ich konnte nur noch erschöpft fragen: »Do you have a bed for me?«.
Sie hatten. Yeah!
Ich hatte schon in meinem Wanderführer davon gelesen, aber diese Herberge ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Hospitaleros erinnern an Hippies aus den Sechzigern, im Garten gab es viele Sitzmöglichkeiten unter einem großen Baum, Indie-Rock lief in angenehmer Lautstärke. Im vorderen Bereich spielte jemand Gitarre und sang. Hier fühlte ich mich wohl wie schon lange nicht mehr. Und dann wurden wir auch noch bekocht!

Caminho Portugues Tag 9 - Tausende Namen auf einer Wand
Pilger aus der ganzen Welt haben sich hier verewigt

An einer langen Tafel saßen wir mit knapp dreißig Leuten (für eine polnische Gruppe war ein Nebengebäude mit Matratzen geöffnet worden), aßen Eintopf, Salat und Tortilla und tranken Vino Tinto. Die Stimmung war völlig gelöst und entspannt und ich lernte wieder neue Pilger kennen: Piet, ein Holländer mit viel Pilgererfahrung, Stefan, der erst kurz zuvor den kompletten Camino del Norte gegangen war und Clemens, der mittlerweile schmerzfrei war. Auch Nino und Melissa waren hier und unterhielten sich angeregt mit den Polen.
Wer das Besondere auf dem portugiesischen Jakobsweg sucht, sollte auf jeden Fall in der Herberge in A Portela Halt machen. Diese Herberge und die Herberge in Rates (Tag zwei) vermitteln ein ganz besonderes Pilgerfeeling, das man auf diese Art sonst nicht findet.

Caminho Portugues Tag 9 - Die Herberge in A Portela
Die Herberge in A Portela

Caminho Portugues Tag 10 – Von A Portela nach Valga

Caminho Portugues Tag 8 – Von O Porrino nach Arcade

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