Caminho Portugues – Tag 6

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Von Rubiaes nach Valenca do Minho

Titelbild Caminho Portugues Tag 6

Zum Frühstück gab es in der Bar gegenüber der Herberge in Rubiaes für mich einen »Coffee to go« und ein leckeres Törtchen, Pastel de Nata. Leider habe ich diese portugiesische Köstlichkeit erst nach ein paar Tagen für mich entdeckt – und meine Zeit in Portugal war nicht mehr lang. Heute, spätestens morgen, wollte ich die Grenze nach Galicien überschreiten.

Selbstverpflegung

Meinen Kaffee ließ ich mir in die von zu Hause mitgebrachte Emaille-Tasse ausschenken, um mich schnell auf den Weg machen zu können. Für diesen Tag war nämlich wieder Regen gemeldet und ich wollte so weit wie möglich mit trockener Kleidung kommen. Außerdem schleppte ich nun schon seit dem ersten Tag in Porto diese Tasse mit mir herum und wollte sie – zumindest aus Prinzip! – wenigstens mal benutzt haben.
Die Idee erwies jedoch als nur mittelprächtig ausgereift, denn mit einer gefüllten Kaffeetasse in der einen und einer Pastel de Nata in der anderen Hand lief es sich nicht so gut. Also setzte ich mich erstmal auf ein Mäuerchen, genoss mein erstes Frühstück und grinste bei den Blicken der vorbeiziehenden Pilger fröhlich zurück.

Caminho Portugues Tag 6 - Wegweiser. Halbzeit!
Halbzeit!

Die Bar hat auch ein kleines Angebot an Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs (also Duschgel, Blasenpflaster und Ponchos). Weil ich am Vorabend so große Lust auf ein Müsli hatte, kaufte ich einen Liter Milch, Obst und eine Packung Müsli. Der Sprache nicht mächtig, ließen zumindest die Bilder von Getreide und Obststückchen Müsli erwarten.
Als ich jedoch den Karton öffnete, erinnerte der Inhalt eher an Fischfutter. Kleine, dünne, braune Flöckchen, die nicht ansatzweise nach Müsli aussahen. Erst beim aufmerksamen Packungs-Studium fand ich heraus, dass es sich um Baby-Brei handelte. Nun ja, also aß ich – bevor mich Nino und Melissa zu ihren leckeren Spaghetti einluden – eben Babybrei. Und am Morgen bereitete ich mir in meiner tollen, von zu Hause mitgebrachten Outdoor-Schüssel zum Zusammenfalten eben Babybrei für unterwegs.
Hauptsache, die Rohstoffe stimmen … ;)

Mein nahrhaftes Mittagsmahl nahm ich auf einem Stein sitzend zu mir und lächelte die Vorüberziehenden entwaffnend an. Ich bemühte mich jedenfalls, kein Mitleid aufkommen zu lassen (die zerdrückte Banane hatte längst den Braunton des Vollkorn-Babybreis angenommen).

Caminho Portugues Tag 6 - kleine Staustufe im Fluss
Erstmal nur Nässe im Flussbett

Der Jakobsweg führte nach einer Weile aus den Bergen heraus, abwechselnd durch kleine Dörfer, Wälder und Felder. Die Landschaft wurde insgesamt mit jedem Tag bergiger, da ich aber durch das viele Wandern mittlerweile gut im Training war, auch nicht merklich anstrengender.

Trockene Füße

Ohnehin fühlte ich mich richtig gut. Meine größte Sorge im Vorfeld waren meine Füße gewesen, da ich im Alltag ausschließlich barfuß oder in Barfußschuhen laufe. Die täglichen Kilometer in festen Wanderschuhen waren quasi das genaue Gegenteil davon und ich wusste nicht, wie meine Füße, aber auch der gesamte Haltungsapparat, mit der ungewohnten Belastung umgehen würden.
Das Wandern in Barfußschuhen war für mich keine Option, da ich auf langen Strecken irgendwann vom Ballen- in den Fersengang übergehe. Und über mehrere Kilometer und mit dem zusätzlichen Rucksackgewicht von knapp 9 Kilogramm (inkl. Wasser und Proviant) waren mir die Erschütterungen durch die ungedämpften Schuhe zu stark.
Aber toi-toi-toi: Ich blieb bis zum Ende des Camino blasenfrei!

Caminho Portugues Tag 6 - kleiner Ort im Gebirge
Gontumil, 10 km hinter Rubiaes

Leider begann es wieder zu regnen, diesmal stärker als auf dem Weg nach Rubiaes, außerdem ging ich durch offene Landschaft und nicht durch den Wald. Trotz Regenjacke waren irgendwann alle Klamotten nass, der Regen lief mir unter der Wäsche am Körper hinunter, ich konnte kaum den Kopf heben, um den Weg auszukundschaften. Außerdem war es kalt. Und wirklich nicht schön.
Eigentlich hatte ich für heute den Grenzübergang angepeilt, beschloss aber, in Valenca do Minho zu bleiben. Die wenigen Kilometer bis nach Tui wären eine Qual geworden, zumal ich mittlerweile komplett nass war und fror.

Die Fortaleza – Portugals Festung gegen die Galicier

Also folgte ich den Wegweisern zur öffentlichen Herberge. Die gelben Pfeile führten mich eine Anhöhe hinauf auf die Fortaleza, eine riesige, alte Festungsanlage. Sie ist auch heute noch eine der größten und am besten erhaltenen Festungsanlagen Portugals. Mit Blick auf den Rio Minho, den Grenzfluss nach Spanien, und das dahinter liegende Tui konnte sich Portugal jahrhundertelang gegen das Eindringen der Galicier wehren.
Doch für all das hatte ich keinen Blick, weil ich für heute die Nase mehr als voll hatte und einfach nur noch die Unterkunft wollte. Aber natürlich war es auch auf der Fortaleza so wie in jeder Stadt auf dem Camino: Es fehlten die Pfeile. Ich lief hin und her, durchschritt Tore und Wälle und überquerte mehrmals den alten Wassergraben, aber ich fand keine Pfeile mehr. Da ich ja mittlerweile wusste, dass man allerhöchstens bei den jungen Leuten mit Englisch weiterkommt, ging ich in ein Café und fragte die Bedienung nach der Albergue San Teotónio. Sie war sehr freundlich und erklärte mir wortreich den Weg – auf Portugiesisch. Immer wieder fiel das Wort »Bombeiro«, das mir aus meinen Spanisch-Lektionen im Vorfeld bekannt vorkam, aber ich hatte die Übersetzung vergessen.

Caminho Portugues Tag 6 - Selfie im Spiegel
Regenselfie

Egal, ich folgte ihren Gesten nach draußen und wieder zurück nach Valenca, es regnete immer noch und ich war wirklich genervt von der Situation. Als ich dann aber außerhalb des Festungsgeländes das Gebäude der Feuerwehr entdeckte, wusste ich auch wieder, was »Bombeiro« bedeutete: Feuerwehr.
Und direkt daneben stand auch die Herberge, an der ich vorher mit gesenktem Kopf vorbeigelaufen war. Das hat man nun davon, wenn man sich zu sehr auf die gelben Pfeile fixiert. Leider habe ich vor lauter Frust kein Foto von der Fortaleza gemacht. Sehr schade!

Warten auf Einlass

Mittlerweile war es viertel vor zwei, um zwei Uhr öffnete die Herberge. Ich stand also klatschnass und allein vor der Herberge und wartete auf Einlass. Das dauerte zum Glück nicht lange und ich war das erste Mal auf meinem Pilgerweg die Erste an einer Herberge. Aber ich war ja auch nur knapp 17 Kilometer gelaufen, die meisten Pilger liefen vermutlich noch weiter oder waren später losgegangen als ich (oder machten mehr Pausen). Doch für meine Hüfte, die noch immer ein wenig schmerzte, war eine kurze Etappe sicher auch nicht das Schlechteste.

Caminho Portugues Tag 6 - Blick auf Regen und Wind
Wetter

So konnte ich mir zumindest ein Bett im riesigen 32-Betten-Saal aussuchen: Ganz hinten an der Wand. Und für ein kleines bisschen Privatsphäre hängte ich mein Duschtuch vor mein Bett. In der Küche fand ich dann noch einen abgelegten Poncho, den ich mir vorsorglich für den nächsten Tag einpackte. Auch das gehört zu den schönen Seiten auf dem Camino: Was man selbst nicht braucht, verschenkt man an andere Pilger, die es gebrauchen können. Oder man legt es für nachfolgende Pilger ab. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Caminho Portugues Tag 6 - Schlafsaal mit 16 Stockbetten
Die Qual der Wahl

Es dauerte eine ganze Weile, bis die nächsten Pilger kamen, aber am Abend war der Schlafsaal beinahe voll. Das hatte ich nach meiner Ankunft nicht erwartet. Zu meiner großen Freude waren auch zwei Bekannte dabei: Sophie, die ich an dem Imbisswagen auf der Bergkuppe getroffen hatte, und Nadine, die Langschläferin aus der Herberge in Rates.
Sophie war in Lissabon gestartet, mittlerweile fünf Wochen unterwegs (für mich war es gerade mal Tag 6!) und hatte langsam keine Lust mehr. Während ich ein wenig wehmütig auf meine Zeit in Portugal zurückblickte (denn morgen würde ich die Grenze überschreiten), freute sie sich, bald endlich in Santiago anzukommen.
Ich war sehr beeindruckt und bin es noch heute, denn nur sehr wenige Pilger beginnen ihren Caminho Portugues in Lissabon. Fast alle starten, so wie ich, in Porto.

Caminho Portugues Tag 7 – Von Valenca do Minho nach O Porrino

Caminho Portugues Tag 5 – Von Ponte de Lima nach Rubiaes

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