Caminho Portugues – Tag 5

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Von Ponte de Lima nach Rubiaes

Rückblickend waren die letzten beiden Tage sehr typisch für eine Fernwanderung: Irgendwann in den ersten Tagen kommt so ein »ich kann nicht mehr, was soll der ganze Scheiß«-Tag, aber auch der »ab jetzt läuft es sich von alleine«-Tag.
Das Frühstück in der Jugendherberge in Ponte de Lima war einsam, einzig zwei weitere Pilger befanden sich im ungemütlichen Speisesaal im Untergeschoss, sonst niemand.
Ziemlich lustlos aß ich also meine beiden Brötchen und trank meinen Automatenkaffee (okay, nicht jeder Kaffee in Portugal ist preisverdächtig). Dafür war aber die nette Reinigungskraft wieder da, die am Vorabend netterweise meine im Nieselregen hängende Wäsche einfach zu der Herbergswäsche in den Trockner gepackt hat, während ich in der Stadt unterwegs war. So war heute alles wieder einsatzbereit.

Es wird voll

An diesem Morgen kam ich erst gegen 9 Uhr los und vertrödelte auch noch Zeit auf der Suche nach Geld und Proviant. Anders als bisher waren diesmal richtig viele Pilger unterwegs; überall sah ich die großen Rucksäcke und Kleingruppen mit Wanderstöcken. Offensichtlich war Ponte de Lima ein Einstiegspunkt für viele, die den Weg nicht ab Porto gehen möchten.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es ab da mit der gemächlichen Ruhe auf dem Camino vorbei sein würde. Mit so vielen Menschen hatte ich eigentlich erst ab der Landesgrenze bei Valenca/Tui gerechnet. Dort beginnen die letzten 100 km, die man für den Erhalt der Compostela zurückgelegt haben muss.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick von Ponte de Lima auf Berg in den Wolken
Da hinten geht es hoch

Laut Wanderführer stand mir an diesem Tag der höchste Punkt des gesamten Weges bevor. Es regnete immer wieder, was mir aber nicht so viel ausmachte. Regen ist mir immer noch lieber als Hitze. Vor mir lief eine Fünfergruppe, die mir schon einen ersten Vorgeschmack auf den weiteren Weg lieferte: saubere, schicke Sportkleidung, weiße, staubfreie Sneaker, winzige Rucksäcke mit einer viel zu großen Pilgermuschel – und laut. Einer der Wanderer hatte die brasilianische Flagge an den Rucksack gebunden; offensichtlich handelte es sich hier um eine organisierte Reisegruppe mit Gepäcktransport. Im Übrigen traf ich auf dem Weg noch mehr Brasilianer, außerdem wurde der Weg ab sofort ohnehin sehr viel internationaler.
Diese fünf Brasilianer waren mir jedenfalls viel zu laut. Sie gackerten und schwätzten, blieben immer wieder stehen und blockierten den Weg. Man merkte ihnen deutlich an, dass sie noch ganz frisch unterwegs waren. Mit ein paar Kilometern in den Knochen wird man ruhiger – und schmutziger.
Das Wetter wurde immer unbeständiger, der Weg dafür umso voller. Manchmal sehnte ich mich nach der Ruhe von Tag drei und vier zurück, zumal ich auch niemanden aus »meiner« Gruppe traf. Dafür aber immer wieder die lauten Brasilianer, weil wir aus irgendeinem Grund eine ähnliche Gehgeschwindigkeit hatten. Sie blieben mehrmals mitten auf dem Weg stehen, um Selfies zu machen, benahmen sich sehr rücksichtslos und grüßten niemanden. Also legte ich einen Zahn zu, um sie hinter mir zu lassen.

Es wird nass

Mittlerweile hatte es sich eingeregnet, der Weg führte gemächlich, aber kontinuierlich, bergan. Aus dem Wanderführer wusste ich, dass kurz vor der richtigen Steigung noch ein Café kommt, das ich unbedingt aufsuchen wollte. Ein Kaffee war dringend nötig, außerdem hatte ich Hunger.
Aber ich ging und ging und ging, der Regen prasselte auf mich herab, immer wieder überholte ich andere Pilger, die sich bergauf kämpften. Wo blieb nur das Café?

Caminho Portugues Tag 5 - Eukalyptuswald mit Schlammboden
Es war schlammiger und steiler, als es aussieht


Ich fand es mittlerweile wirklich anstrengend und hatte ein wenig Muffen vor dem weiteren Weg. Wenn all das hier noch vor dem Café lag, wie steil musste es erst dahinter werden? Irgendwann war ich dann im Wald, Schlamm floss den Berg hinab, ich versuchte, den größten Pfützen auszuweichen. Denn nasse Wanderschuhe sind eine tolle Chance für Blasen an den Füßen – und ich war doch bisher so schön blasenfrei!
Immer wieder musste ich stehenbleiben, um meinen Rücken zu entlasten und ein paar Nüsse zu essen. Das Café hatte ich wohl verpasst, also würde ich auch so schnell nichts Essbares mehr bekommen.

Es wird steil

Das letzte Stück war wirklich steil. Man klettert und krabbelt Felsen empor, ich war mittlerweile echt k.o. und wollte nicht mehr weiter. Aber bei strömendem Regen war ein Picknick im Wald auch keine Alternative. Und als ich mal wieder am Wegesrand stand und mich auf meinen Stöcken abstützte, hörte ich es hinter mir schnattern. Die Brasilianer!
Resigniert nahm ich die Kopfhörer ab, denn bei dem Lärm verstand ich mein Hörbuch sowieso nicht mehr. Nun ja, dann war es eben so. Am Franzosenkreuz Cruz dos Franceses machte ich nur kurz Halt. Hier werden von Pilgern Andenken und Steine abgelegt, ähnlich dem Cruz de Ferro auf dem Camino Francés.

Caminho Portugues Tag 5 - das Franzosenkreuz Cruz dos Franceses
Cruz dos Franceses

Auch das letzte Stück war noch mal richtig steil, aber ich konnte schon die Bergkuppe sehen. Und ein Schild: Oben würde mich eine Bar mit Pommes, Bier und Kaffee erwarten. Juhu! Im Wanderführer stand nichts davon und ich freute mich auf die Überraschung, da ich ja das Café am Fuße des Berges verpasst hatte.
Frisch motiviert stieg ich also weiter, machte keuchend ein paar Fotos und ein Kurzvideo und ging schnell weiter zum Kaffee. Oder, wenn ich ehrlich bin: Ich wollte zum Bier. Zu einem schönen, kühlen, prickelnden Bier. Egal, dass wir gerade einmal 13 Uhr hatten – das hatte ich mir nach diesem Anstieg redlich verdient. Noch hundert Meter und ich würde sowohl Hunger als auch Durst löschen können!
Tja. Das Café entpuppte sich als Imbissbude mit drei Sitzgarnituren aus Plastik, die im Regen standen. Aber immerhin traf ich Sophie dort oben, die ich am Vorabend in Ponte de Lima kennengelernt hatte. Wir redeten kurz, ich kaufte mir eine Cola und eine Minidose Chips und machte mich an den Abstieg. Das war sicherlich nicht nahrhaft, aber auf eine Portion Pommes im Regen hatte ich nun wirklich keine Lust.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick über bewaldete Berge
Oben angekommen

Von hinten hörte ich dann plötzlich ein fröhliches »Hallo!«: Birgit!
Wir verabredeten uns für das nächstgelegene Café, das in etwa zwei Kilometern kommen musste, und schon war sie wieder weg. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, im Garten des Cafés saßen viele Pilger, die Stimmung war gut. Doch so kurz vor unserem Ziel in Rubiaes hatte ich nicht mehr die Ruhe, gemütlich einen Kaffee zu trinken. Ich hatte Angst, kein Bett mehr in der Herberge zu bekommen, denn der Ansturm schien mir recht groß. Deutlich größer als an den bisherigen Tagen, wo ich nie ein Problem hatte, ein Bett zu finden.

Es wird eng

Die öffentliche Herberge in Rubiaes ist groß, rundherum gibt es mehrere private Herbergen, aber auch Pensionen und sogar Hotels. Aber die Preise in den öffentlichen Herbergen sind unschlagbar: 5 Euro (oder eine Spende) für einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer. Natürlich wollte ich lieber in die öffentliche Herberge als in ein Hotel mit Wäscheservice – und ich hatte echtes Glück: In der Herberge gab es nur noch eine Handvoll freie Betten! Ich bekam eines in einem Acht-Bett-Zimmer zugewiesen, gemeinsam mit zwei Ehepaaren aus Salzburg und drei Einzelpilgern. Wenige Minuten später war die Herberge voll.

Caminho Portugues Tag 5 - Die öffentliche Herberge in Rubiaes
Die Albergue in Rubiaes

Kein Wunder – alle waren nass, der Weg war anstrengend gewesen, die nächste günstige Herberge war kilometerweit entfernt. Hier war eine Art Sammelplatz, aber auch der größte Schlafsaal, der mir auf dem Caminho Portugues unterkam: 42 Betten in einem Raum! Das waren 21 Stockbetten, dicht an dicht. Was war ich froh um mein Achtbett-Zimmer!
Später wurden sogar noch Matratzen in den Gemeinschaftsraum und die Flure gelegt, um niemanden abweisen zu müssen. Um Viertel vor zehn ging die Hospitalera durch die Gänge und löschte überall das Licht. Die Herberge war dunkel und es kehrte Ruhe ein.

Caminho Portugues Tag 5 - Blick ins Acht-Bett-Zimmer
Acht-Bett-Zimmer

Es wird schön

In dieser Herberge traf ich übrigens Nino und Melissa vom Vorabend in Ponte de Lima wieder. Sie kochten mit zwei anderen deutschsprachigen Pilgern zusammen Spaghetti und luden mich zum Essen ein. Lustigerweise waren die anderen beiden jene Pilger aus dem Speisesaal der Jugendherberge (sie erkannten mich wieder, ich sie allerdings erstmal nicht). Die Pilgerwelt auf dem Caminho Portugues war irgendwie doch überschaubar.
An jedem einzelnen Tag habe ich neue Pilger kennengelernt, die meisten aus Deutschland bzw. Österreich und der Schweiz. Ich traf wirklich interessante Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten und Berufen. Einige trugen schwere und mittelschwere Päckchen mit sich (Trennungen, berufliche Umorientierungen, große Verluste), andere reizte die Herausforderung, wieder andere erfüllten sich einen lang gehegten Traum. Und sehr viele Pilger hatten schon andere Jakobswege beschritten, die meisten den Camino Francés.
Jeder von uns hat eine Geschichte, und wir alle sind Teil einer Gemeinschaft, ohne uns verstellen zu müssen. Einfach so, wie wir sind. Mit all unseren Macken.
Und das ist toll!

Caminho Portugues Tag 4 – von Barcelos nach Ponte de Lima

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