Siegen für InSIder – von der Betonstadt zu neuen Ufern

„Was ist schlimmer als verlieren? Siegen!“

Dieser geflügelte Spruch verfolgt Siegen schon seit Jahrzehnten, und wenn man ehrlich ist, enthält er auch ein oder zwei (wenn nicht gar drei!) Körnchen Wahrheit.

Datei:Nikolaikirche in der Altstadt der Kreisstadt Siegen im Kreis Siegen-Wittgenstein in Nordrhein-Westfalen.jpg
Foto Nikolaikirche: Matthias Böhm

Eines vorweg:
In den letzten Jahren hat sich viel getan, und wer das Siegen der 1990er-Jahre mit dem heutigen Siegen vergleicht, wird sich verwundert die Augen reiben.

Siegen in den 1990er-Jahren

Ehrlich gesagt bin ich damals, 1994, nicht ganz freiwillig nach Siegen gekommen.
Den von mir angestrebten Studiengang gab es nur hier, vor allem wollte ich aber mal eine andere Luft schnuppern als die hessische.
Als die Zusage zur Immatrikulation per Post ins Haus flatterte, musste ich erstmal nachschauen, wo Siegen überhaupt liegt. Diese Frage höre ich auch heute noch erstaunlich oft, wenn ich auf Seminaren, Fortbildungen oder Messen unterwegs bin. Meine Standardantwort: „An der A 45 zwischen Gießen und Köln“. Ich weiß nicht, warum Gießen so viel bekannter ist als Siegen, aber nun ja, so ist es eben.

Als ich dann Anfang 1994 die A45 von Hessen kommend in Richtung Stadtmitte verließ, um mich an der hiesigen Uni (damals noch Gesamthochschule) einzuschreiben, schlug ich entsetzt die Hände vors Gesicht (nein, ich bin nicht gefahren, ich war zum Glück Beifahrerin). Hier sollte ich die nächsten vier oder fünf Jahre verbringen?!
Dass daraus noch viel mehr werden sollten, konnte ich mir damals wirklich nicht vorstellen!

Rechter Hand stand eine in die Jahre gekommene Siegerlandhalle, und die Bundesstraße, die mitten durch die Stadt führte, war ein vollgestopfter Schlauch im engen Tal, eingezwängt von düsteren Bergen.
Nach der Einschreibung am Herrengarten in der Innenstadt kam der nächste Schock: Die Hochschule war mitnichten in der Stadt, sondern weitab von allem auf einem der sieben Berge – und grau. Ein aus mehreren hässlichen grauen Betonklötzen bestehender Gebäudekomplex, nebenan eine kleine Wiese aus vertrocknetem Gras, eingefasst von stachligen Büschen, auf der ein paar Studierende saßen.
Dafür hatte man aber immerhin Fernsicht auf die umliegenden Berge, was allerdings für Studienanfänger eher zweit- oder drittrangig ist.

Mäckeser

Kurz vor Semesterbeginn bezog ich mein erstes WG-Zimmer am Fuße der Oberstadt und begann, mich mit der Stadt und ihren Bewohnern vertraut zu machen.

Datei:Siegen Siegerlandhalle.jpg
Foto Siegerlandhalle:  Bob Ionescu

Erste Irritationen kamen auf: Warum gibt es hier so viele US-Amerikaner? Waren in der Stadt denn nicht Belgier stationiert?
Ich brauchte ein paar verwirrende „woll“ und „woar“, um das gerollte R als Dialekt zu identifizieren. Alsbald machte unter uns auswärtigen Studierenden („Mäckesern“) der Ausspruch: „Börrnd aus Rrennerrood hälld’n RRewerrad im rroden Hörrsaal“ die Runde – als wir nämlich feststellten, dass man im benachbarten Westerwald noch stärker rollt als hier.
Darüber hinaus lebten die Einheimischen und die Studierenden vom Bildungshügel in einer eher distanzierten Ko-Existenz nach dem Motto: „Kenn ma net, broach ma net“. Und da es in der Stadt ohnehin nur wenige Studi-Kneipen gab (die „Motte“ hinter dem Bahnhof, das „Meyers“ bei der Hauptpost oder das „Belle Epoque“ in Weidenau, beziehungsweise die „Flocke“ oder das „Camelot“ in der Oberstadt), konnte man sich auch gut aus dem Weg gehen.

 

Wälder und Höhen – der Rothaarsteig

Tja, über das Siegener Stadtbild lässt sich zu recht viel Negatives sagen.
Am Ende des zweiten Weltkriegs zu 80% ausgebombt, hat man hier in den 1960er Jahren viel Hässliches gebaut und der Stadt ein betongraues Antlitz verliehen. Einzig die Oberstadt war ein Kleinod, auf das man stolz war – wenn es nur nicht so beschwerlich wäre, den Siegberg hinaufzustiefeln …
Was Siegen jedoch schon immer ausgezeichnet hat und mir umso mehr bedeutet, je länger ich hier lebe: die Natur.

Ja, die Fichten-Monokulturen lassen die Berge düster erscheinen, daran hat auch der Sturm Kyrill im Januar 2007 nur wenig geändert.
Aber sie geben der Stadt auch ein grünes Gesicht und egal, wo man sich gerade befindet: Man ist in kürzester Zeit draußen in der Natur. Auch zu Fuß. Wir haben viele Wanderwege; nicht nur der Rothaarsteig streift das Stadtgebiet (allerdings befand er sich 1994 erst in der Planungsphase), auch der Europäische Fernwanderweg E1 und Teile des deutschen Jakobswege-Netzes führen hier vorbei. Wir haben Dörfer, in denen Mundart, Brauchtum und Gemeinschaft gepflegt werden, und die Geschichte des Bergbaus, jahrhundertelang Überlebensgrundlage in der Region, wird noch immer hochgehalten.
Nicht zuletzt gehört dem Kreis Siegen-Wittgenstein verdient die Auszeichnung „waldreichster Kreis Deutschlands“ – mit 71% Waldfläche. Das hört sich nicht nur gut an, das ist es auch.

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