Caminho Portugues – Tag 4

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Von Barcelos nach Ponte de Lima

Die Nacht in der Herberge in Barcelos tat gut. Auch die Gespräche mit den anderen Frauen haben geholfen – vielleicht auch die Schmerzsalbe, die ich mir ausgeliehen habe.
Trotzdem tat die Hüfte am Morgen noch weh, also nahm ich eine Schmerztablette. Das ist normalerweise nicht meins, aber falls es mir so gehen sollte wie am Vortag, würde ich keine fünf Kilometer weit kommen. Dieser vierte Tag war ohnehin mit einem großen Fragezeichen versehen, denn das nächste Etappenziel, Ponte de Lima, lag knapp 34 km von meinem Startpunkt entfernt. Für mich unerreichbar.
Die einzige öffentliche Herberge in Portela de Tamel lag nur 10 km entfernt auf einem Berg, das war mir aber eigentlich als Tagesetappe zu kurz. Blieb nur ein Zwischenstopp bei Fernanda nach etwa 19 km.
Eigentlich eine ideale Weglänge – wenn Casa Fernanda nicht im Internet als »Kult-Herberge« bekannt und teilweise schon Tage im Voraus ausgebucht wäre. Für mich war Vorbuchen nie eine Option, ich wollte einfach jeden Tag auf mich zukommen lassen und ein angepeiltes Ziel auch mal nicht erreichen müssen oder sogar daran vorbeilaufen.

Freundschaften

Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das geschafft habe, aber ich bin an der Herberge von Portela de Tamel vorbeigelaufen, ohne sie zu bemerken. Sie war zwar ohnehin nicht mein Ziel, aber ich hatte mich schon eine Weile auf einen Kaffee gefreut, den ich dort trinken wollte.
Der Weg führte steil bergauf, zuerst durch kleine Orte und Felder, später durch Eukalyptuswälder. Es wurde ruhiger, ich sah so gut wie keine anderen Pilger. Auch keine Portugiesen, schon gar nicht im Auto. Ab und zu begegnete ich Birgit, wir gingen dann ein paar Meter zusammen, ehe jede wieder ihren eigenen Weg ging.
Auf dieser Wegstrecke spürte ich erstmals das Glück beim Wandern, das ich bisher so vermisst hatte. Ich war allein, konnte in meinem Tempo gehen, meinen Gedanken nachhängen und die Natur genießen. Auf dem weichen Waldboden lief es sich so viel besser als auf Asphalt und Kopfsteinpflaster und manchmal fühlte es sich sogar so an, als seien meine Beine schneller als der Rest des Körpers.

Caminho Portugues Tag 4 - Kirche hinter Barcelos

An einem heiligen Kreuz traf ich Birgit wieder und wir machten eine kurze gemeinsame Pause. Vier italienische Radpilger erreichten kurz nach uns das Kreuz. Wir wünschten uns „Bom Caminho“, fotografierten einander, machten Gruppenselfies, lachten zusammen und dann gingen beziehungsweise fuhren wir alle wieder unserer Wege.
Solche Momente machen den Reiz des Camino aus. Man begegnet sich, hat ein paar schöne, kuriose oder lustige gemeinsame Momente, geht aber keinerlei Verpflichtung miteinander ein. Man kann zusammen weitergehen, es ist aber völlig in Ordnung, wenn jemand lieber alleine läuft. Auf diesen kurzen Stücken können sich Freundschaften bilden, man findet Weggefährten für die nächsten Minuten, Stunden oder Tage – oder man sieht sich nie wieder. Die sozialen Kontakte auf dem Camino habe ich durchweg als frei, unbeschwert und echt erlebt.
Sprachliche Hürden haben wir mit viel Kreativität gemeistert, ansonsten sind Herkunft, sozialer Status, Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen völlig egal. Es geht um den Menschen, der man ist, nicht um die Fassade, die man – oft für andere – aufstellt.

Das Wandern lief an diesem Tag übrigens wie geschmiert. Vielleicht war es die Schmerztablette, vielleicht hatte ich mich auch endlich eingelaufen. Auf einmal erschienen mir die mehr als 30 Kilometer nach Ponte de Lima doch noch machbar.
In der Nähe eines kleinen Ortes sah ich einen ungewöhnlich bewachsenen Berg in der Ferne. Beim langsamen Näherkommen dachte ich zuerst an die teilweise vertrockneten Wälder in Deutschland, denen die Dürre des Vorjahres zugesetzt hatte. Doch irgendwann zeichnete sich deutlich ein Waldbrandgebiet ab. Im Internet hatte ich regelmäßig von Waldbränden in Portugal gelesen und mir wurde ein wenig mulmig.

So schön die Eukalyptuswälder beim Durchwandern sind, so gefährlich sind diese Monokulturen. Eukalyptusbäume wachsen schnell und liefern der Papier- und Zelluloseindustrie Portugals wertvolle Rohstoffe. Was für die Marktwirtschaft dieses ohnehin armen Landes ein Gewinn ist, ist für die Natur eine Katastrophe. Die Monokulturen laugen die Böden aus und sind extrem brandgefährdet. Im Jahr 2017 kamen bei einer großen Feuersbrunst in Portugal 47 Menschen ums Leben.
Mir war unbehaglich beim Wandern durch die längst erkalteten Brandstellen und ich beeilte mich, das Waldstück hinter mir zu lassen.

Die falschen gelben Pfeile

An diesem Tag hatte ich optimales Wanderwetter – wolkig, trocken, nicht zu warm. Und hatte ich schon erwähnt, wie gut es lief?
Meine Hüfte tat kaum weh, die Füße machten noch gut mit, zwischendrin stärkte ich mich mit einem Kaffee und ich lief und lief und lief. Eigentlich war mein Plan, bei Fernanda zu klingeln, denn die würde ganz bestimmt eine Lösung für dieses in dieser Gegend doch alltägliche Übernachtungsproblem finden. In irgendeinem kleinen Ort unterwegs sah ich ein Schild mit der Aufschrift »Caminho Central« und blieb kurz stehen. Da ich aber schon mehrmals davon gelesen hatte, dass Café- und Bar-Besitzer die Pilger von der Route weglockten, entschied ich mich dagegen und folgte weiterhin den mir bekannten gelben Pfeilen. So, wie auch schon an den drei Tagen zuvor.

Caminho Portugues Tag 4 - gelber Pfeil an Stein
Typische gelbe Pfeile

Und ich lief bergauf und bergab, kam durch kleine Dörfchen, ging auf schmalen Pfaden, blieb ab und zu schnaufend stehen und lief weiter. Aus den Wolken fielen die ersten Tropfen, der Weg kam mir immer komischer vor. Eigentlich hätte ich schon längst bei Fernanda sein müssen, zumindest aber irgendwo in der Nähe der Hauptstraße nach Norden. Als dann irgendwo im Wald plötzlich die gelben Pfeile durch rote Streifen ersetzt wurden, wurde ich misstrauisch. Das erschien mir ganz und gar komisch. Und wenn meine Komoot-App, mit der ich meinen Weg aufzeichnete, nicht total daneben lag, lag ich daneben. Aber richtig. Und da ich keine Lust auf eine Nacht allein im portugiesischen Wald hatte, ging ich zurück in den letzten Ort, wo ich auf Waldarbeiter traf.
Mit Händen und Füßen versuchten wir, miteinander zu kommunizieren (er erkannte mich zumindest als Pilgerin!), aber ich verstand ihn einfach nicht. Nur, dass ich falsch war. Aber das hatte ich ja schon selbst gemerkt. Erschöpft und verwirrt hielt ich mir Daumen und Zeigefinger ans Ohr und sagte immer wieder: »Taxi. Taxi«.
Irgendwann verstand der Mann, zückte sein Handy und telefonierte. Mit dem Zeigefinger gab er mir zu verstehen, genau an dieser Stelle stehenzubleiben. Er wirkte nicht unhöflich, aber ich fühlte mich dennoch völlig ausgeliefert. Ich verstand kein Wort portugiesisch und hatte keine Ahnung, mit wem er da telefoniert hatte und was jetzt mit mir passierte. Doch das Taxi kam schnell – und der Fahrer sprach sogar ein wenig Deutsch!
Zuerst brachte er mich zu einem Café, in dem sein Sohn arbeitete, der Englisch sprach. Der Sohn rief dann für mich bei Fernanda an, doch wie erwartet war kein Platz mehr frei. Mithilfe einer Übersetzungsapp auf seinem Handy handelten wir dann einen Fahrpreis bis nach Ponte de Lima aus.

Der Camino gibt dir, was du brauchst

Und so landete ich am Ende des Tages doch noch in Ponte de Lima, auch wenn ich ein paar Kilometer mit dem Taxi abgekürzt hatte. Aber es wäre schlichtweg unmöglich gewesen, an diesem Tag noch irgendwo in der Nähe eine Unterkunft zu finden. Dafür war es schon zu spät (etwa 18 Uhr), außerdem regnete es mittlerweile in Strömen.
Der nette Taxifahrer fuhr mich dann zur Jugendherberge am Ortseingang, wo ich ein Vierbettzimmer ganz für mich allein bekam (das war Glück, denn die meisten anderen Pilger kamen in der öffentlichen Herberge in der Ortsmitte unter).
Es fühlte sich sehr komisch an, auf einmal alleine in einem Zimmer zu sein. Nach der obligatorischen Dusche und der Handwäsche meiner Wanderklamotten machte ich mich auf den Weg in die Stadt, um etwas zu essen.


Ponte de Lima ist eine alte Stadt mit sehr schönem historischen Ortskern. Ich freute mich auf irgendetwas zu Essen und ein kühles Bier – und als ich um eine Ecke bog, traf ich doch tatsächlich die beiden Frauen aus dem Ruhrgebiet, mit denen ich in der Nacht zuvor das Zimmer geteilt hatte!
Und wenige Minuten später traf ich noch ein paar Pilger, mit denen ich in der Herberge in Rates zusammengesessen hatte. Wir umarmten einander lachend und gingen gemeinsam zuerst in ein Weinlokal, später portugiesisch essen.
Das ist der Camino: Jeder Tag steckt voller Überraschungen, man trifft ganz unerwartet auf neue und bekannte Menschen, schließt Freundschaften und verbringt eine tolle Zeit miteinander.
Und als ich den einsamsten Punkt meines Camino erlebte, weil ich alle mir bekannten Pilger noch hinter mir wähnte, erlebte ich ganz unerwartet einen lustigen Abend in einer großen Gruppe und konnte neue Pilgerfreundschaften schließen.
Es heißt nicht umsonst: Der Camino gibt dir, was du brauchst.

PS: Dieser Tag war am Ende der mit den meisten Höhenmetern: 700 Hm bergauf, 740 Hm bergab. Selbst die Etappe mit dem höchsten Punkt des gesamten Weges betrug nur 470 Hm bergauf und 280 Hm bergab.

Caminho Portugues Tag 3 – Von Rates nach Barcelos

Caminho Portugues Tag 5 – Von Ponte de Lima nach Rubiaes

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