Pilgerwege im Siegerland

»Pilgern beginnt vor der Haustür«

Alles geben – auch für Wanderer

Diesen Spruch nahm ich mir zu Herzen, packte meinen Rucksack und ging los.
Wir haben hier im Siegerland nämlich eine Besonderheit unter den Pilgerwegen vorzuweisen: Der Jakobsweg, der aus Richtung Marburg kommt und nach Köln und Aachen und im weiteren Verlauf bis nach Santiago de Compostela weiterführt, ist auch in der Gegenrichtung ein Pilgerweg. Denn von Köln kommend in Richtung Marburg heißt er Elisabethpfad, zu Ehren der heiligen Elisabeth, und endet folgerichtig an der Elisabethkirche in Marburg. Der zweite Streckenverlauf des Elisabethpfades beginnt in Eisenach und endet ebenfalls in Marburg.
Siegen liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Köln und Marburg und so stand ich vor der Wahl, entweder den Jakobsweg nach Köln zu nehmen oder den Elisabethpfad nach Marburg.

Der Jakobsweg

Vergessener Pilgerstab am Wegesrand

Nimmt man den Jakobsweg, beginnt die vierte von sieben Etappen in Siegen am oberen Schloss und führt über den Stadtwald, Oberfischbach, Freudenberg und Friesenhagen zum Crottorfer Schloss in Rheinland-Pfalz. Die knapp 25 Kilometer lange Strecke führt überwiegend durch Waldgebiete und ist deshalb auch im Sommer gut begehbar.
Ortsunkundigen empfehle ich eine ordentliche Karte, denn die Wegbeschilderung ist teilweise suboptimal, überwiegend aber gut. In Oberfischbach/Niederndorf und Hohenhain übersah ich wohl ein paar Aufkleber und habe mich teilweise ordentlich verlaufen. Nette Anwohner halfen mir dann weiter und zeigten mir den richtigen Weg (wobei ich in Hohenhain kurz vorm Aufgeben war. Die Füße taten weh, die Beschilderung war verwirrend und die Stechattacken der allgegenwärtigen Pferdebremsen nervten kolossal).

Einkehrmöglichkeiten gibt es unterwegs an der Autobahnraststätte (sofern man das mag) und in Freudenberg, je nach Wochentag und Uhrzeit eventuell auch in Oberfischbach. Ich empfehle, ausreichend Verpflegung mitzunehmen, insbesondere Wasser. Bänke und Rastmöglichkeiten gibt es rund um die Orte mehrere, im Wald hingegen kaum. Da muss man sich ein nettes Plätzchen suchen.

Die alte Brüderstraße

Elisabethpfad und Pilgerweg

Der Pilgerweg orientiert sich an der alten Brüderstraße von Siegen nach Köln, die sich bis ins Mittelalter zurückdatieren lässt. Sie war Teil der Brabanter Straße, die Leipzig und Flandern verband. Die Annahme, der Handelsweg habe schon zur Zeit der Kelten existiert, um das im Siegerland geschürfte Eisenerz nach Köln zu bringen, hat sich bisher nicht bestätigt.
Mich reizt an den Pilgerwegen weniger der konfessionelle Hintergrund, sondern ihre historische Bedeutung (auch wenn das natürlich nicht zu trennen ist). Der aktuelle Streckenverlauf ist am historischen nur orientiert, denn manche Straßen sind gar nicht mehr begehbar (wie die A45), oder der alte Verlauf streifte Gebäude und Grenzverläufe, die heute nicht mehr existieren.
Trotzdem hat sich der Weg über Freudenberg, Denklingen, Drabenderhöhe und Overath als Weg für Pilger, Fußgänger und Berittene über Jahrhunderte bewährt.

Vom Oberen Schloss nach Heisberg

Blick auf Heisberg

Der erste Teil beginnt am Oberen Schloss in Siegen, führt bergab in Richtung Berufskolleg Technik und geht dann steil die Straße hinauf in den Stadtwald. Der ist noch immer von Bombenkratern gezeichnet, obwohl die Bombardierung Siegens schon fast 75 Jahre zurückliegt (16.12.1944). Es dauert fast eine Stunde, bis endlich die Geräusche der Stadt verstummen und man oberhalb von Seelbach und Achenbach die Ruhe genießen kann. Teilweise führt der Weg entlang des historischen Rundwegs Achenbach, den ich hier beschrieben habe.
An einigen Stellen muss man Obacht geben, weil der Flowtrail Siegen dort entlangführt und man Gefahr läuft, von Mountain-Bikern umgefahren zu werden. Deshalb gibt es ausreichend Warnschilder, damit man nicht versehentlich in die Rennstrecke gerät.
Oben auf der Kuppe des Starken Bubergs hat man einen schönen Fernblick Richtung Westerwald und Rothaargebirge.
Leider läuft man dann eine weitere halbe bis dreiviertel Stunde an der Autobahn entlang und quert sie auf großzügig angelegten Asphaltstraßen, was diesen Teil des Pilgerweges sehr unattraktiv macht.
Dafür erreicht man kurz danach den kleinen Ort Heisberg, wo ich eine erste Rast einlegte.

Von Heisberg nach Freudenberg

Pilgerkühlschrank in Oberfischbach

Von Heisberg erreicht man relativ schnell Oberfischbach, wo ich meine erste Ehrenrunde drehte. Irgendwie habe ich die Aufkleber falsch interpretiert und bin letztlich in Niederndorf gelandet. Ich war schon kurz davor, an einem der Häuser zu klingeln, um nach dem Weg zu fragen, als jemand mit Motorroller vorbeifuhr. Also hielt ich ihn an und ließ mir meinen Irrtum erklären und die richtige Richtung aufzeigen.
Meine Grummeligkeit verflog, als ich das absolute Highlight des gesamten Weges entdeckte: einen Pilgerkühlschrank!
Nette Anwohner stellen gegen einen kleinen Unkostenbeitrag gekühlte Getränke zur Verfügung sowie Blasenpflaster, Taschentücher und Sport-Tape. Dem beigefügten Gästebuch kann man entnehmen, wie begeistert die vorbeiziehenden Pilger und Wanderer von dem Pilger-Kühlschrank sind. Außerdem war ich doch erstaunt, wie viele Menschen tatsächlich durch Deutschland pilgern und dabei auch durchs Siegerland kommen.
Der weitere Verlauf der Strecke führt durch das schöne Dirlenbachtal hindurch bergab bis nach Freudenberg. Freudenberg liegt, entgegen seinem Ortsnamen, im Tal. Der Abstieg oberhalb des Freilichtmuseums in die Ortsmitte ist ziemlich steil und asphaltiert und damit eine arge Belastung für die Knie. Dafür führt der Weg dann weiter durch den alten Flecken, dessen Ansicht wohl den meisten Menschen bekannt ist.
Hier streift man auch Teile des Fachwerkweges Freudenberg, den ich als Wanderhöhepunkt am Rothaarsteig definitiv empfehlen kann.

 

Von Freudenberg nach Krottorf

Nach der Talquerung in Freudenberg geht es an der Bethesda-Klinik vorbei wieder bergauf in den Euelsbrucher Wald. Dort kann man mehrere Kilometer leicht bergan gehen und ist vor der Sonne geschützt. Nach einiger Zeit erreicht man die Kuppe und verlässt den Wald nach Hohenhain.
Hier ließ mich die Wegbeschilderung im Stich, sodass ich erstmal in die falsche Richtung lief. Meine Karte war zu grob, um mir weiterzuhelfen. Als ich der Verzweiflung – und der Aufgabe meines Projektes – nahe die blau-gelben Aufkleber des Pilgerweges suchte, kam unverhoffte Hilfe von einem Hundebesitzer. Der hatte zwar auch keine Aufkleber gesehen, wusste aber immerhin, wie ich auf die Hammerhöhe kam.
Der eigentliche Wegeverlauf geht vermutlich an der Kreisstraße entlang, ich nahm aber einen kleinen Umweg und damit auch wieder Teile des Fachwerkweges Freudenberg.

Gedenktafel zur Hexenverbrennung bei Friesenhagen

Zurück im Wald, ging es zuerst bergab und anschließend wieder bergauf an der Kapelle zur schmerzenden Mutter vorbei zur Kapelle St. Anna, von wo man einen schönen Blick über das Wildenburger Land hat. Der Berg diente im 17. Jahrhundert der Hexenverbrennung, woran ein hölzernes Schild erinnert.
Anschließend läuft man wieder bergab nach Friesenhagen und quert den Ort, ehe man in den Wald und auf den Kreuzigungsweg »Die sieben Fußfälle« zurückkehrt. Wer mag, kann sich vor den Steinkreuzen zu Boden werfen – ich ging mit schmerzenden Füßen daran vorbei, denn ich wäre vermutlich nicht mehr aufgestanden, wenn ich dort gelegen hätte.
Kurz darauf geht es mitten ins Gebüsch und auf einen schmalen Pfad entlang des Crottorfer Wasserschlosses, das man von dort aber leider nicht sehen kann.
Nach wenigen Minuten überquert man einen kleinen Bach und läuft auf einer Wiese direkt am Schloss entlang (von dem man aber immer noch nicht viel sieht). Wenn man noch ein paar Meter an der Kreisstraße entlanggeht, erreicht man das Tor des Crottorfer Schlosses und damit den Endpunkt der vierten Etappe des Pilgerweges von Marburg nach Köln.

Schlösserweg und Elisabethpfad

Blick von roter Kapelle ins Wildenburger Land

Der Pilgerweg entlang der alten Brüderstraße ist in diesem Abschnitt identisch mit dem Schlösserweg von Dillenburg nach Düsseldorf, weshalb man sich immer an der Markierung X19 orientieren kann – und teilweise auch sollte.
Ich habe mich für die Richtung Siegen → Crottorfer Schloss und damit den Pilgerweg entschieden, in umgekehrter Richtung folgt man dem Elisabethpfad, der aber deutlich schlechter ausgeschildert ist (manchmal mit roten Aufklebern, meist aber mit gelben Pfeilen).

Ich wünsche allen Wanderern und Pilgern eine gute Reise und eine schöne Zeit in der Region Siegen-Wittgenstein!

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